Thomas Kindler: Wir sind dabei, ein neues XING zu gestalten

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XING hat sich verändert. Das ist seit einiger Zeit deutlich erkennbar. Wohin soll die Reise gehen, was sind die Ziele? Thomas Kindler, Managing Director von XING, im Gespräch mit dem HR JOURNAL.

„XING ist kein Social Network mehr, sondern ein Jobs-Netzwerk“, sagt Thomas Kindler. Der Wandel von XING hatte vor einigen Jahren begonnen und ist Work in Progress, also keineswegs abgeschlossen. Keine Gruppen mehr, keine Events – vor allem im letzten Jahr fühlten sich so manche User davon hart getroffen.

Eine Frage muss denn auch lauten: Welche User werden zukünftig XING nutzen – und wie? Was will XING ihnen bieten? Und: Wie kann HR von dem Wandel profitieren? Eine Antwort vorab: Die früher beliebte „Selbstpositionierung“ der User mit Zielrichtung Arbeitgeber wird es bei XING nicht mehr geben. Da sie aus Sicht des Unternehmens nicht mehr zeitgemäß ist. Erfahren Sie hier mehr.

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Seit meinem ersten Interview zu XING / New Work SE im Februar 2019 mit dem damaligen CEO Thomas Vollmoeller hat sich die HR-Welt schneller verändert als je zuvor. Wie würden Sie die Entwicklung von XING in den letzten Jahren beschreiben?

Thomas Kindler: In den letzten eineinhalb Jahren haben wir etwas sehr Wichtiges geschaffen: Die strategische Ausrichtung unserer Muttergesellschaft NEW WORK SE auf den Anspruch „Recruiting Partner #1″ zu sein. Wir haben unsere B2C Angebote XING und kununu mit unserem B2B Angebot onlyfy by XING zusammengeführt, mit dem Vorteil, dass Recruiter nun alle Aktivitäten von Kandidaten in einem Produkt zur Verfügung stehen.

Diese Fokussierung war der Marktentwicklung geschuldet. XING war immer dann stark, wenn wir „gestaltet“ haben. Das heißt, wenn wir Probleme der Kandidatinnen / Kandidaten gelöst haben. Wir kommen von einem Arbeitgebermarkt. Damals war es wichtig, persönliche Netzwerke zu nutzen, um einen der raren Jobs zu bekommen. Jetzt haben wir einen Arbeitnehmermarkt. Die Unternehmen müssen sich positionieren. Die Bewerber haben die Wahl zwischen mehreren Optionen. Ihre Bedürfnisse zu verstehen, das ist uns wichtig. Und auf der Unternehmensseite wollen wir mit unseren Produkten die Bedürfnisse des Recruitings bestmöglich abdecken. Dieses Zusammenspiel bestimmt unsere täglichen Überlegungen.

David Vitrano, damals Geschäftsführer von XING E-Recruiting, sagte in einem Interview mit dem HR Journal im Herbst 2020: „Fachkräftemangel und Recruiting sind keine besonders gefragten Themen. Die Unternehmen konzentrieren sich erst einmal darauf, gut durch die Krise zu kommen.“ Das war „damals“, in der Corona-Krise. Jetzt ist die Krise wieder da, in Form einer ansehnlichen Rezession. Wie wird sich der Markt entwickeln und wie wird XING auf die aktuelle Wirtschaftslage reagieren?

Thomas Kindler: Es gibt Studien, die prognostizieren, dass das Recruiting bereits 2024 wieder anziehen wird. An der demografischen Entwicklung wird sich ohnehin nichts ändern. Daran glauben wir und hier werden wir weiter investieren. Wir bewegen uns ja auf einen Recruiting-Markt zu. Dieser Markt muss sich fünf Herausforderungen stellen:

1. In einem Arbeitnehmermarkt muss ich alle Jobs auf einem Marktplatz haben. Denn ich muss einem Bewerber das bestmögliche Angebot machen können.

2. Ich brauche möglichst viele Recruiter auf der Plattform, die Kandidaten ansprechen. Denn der Anspruch „ich will angesprochen werden“ wird noch deutlich steigen.

3. Kandidaten brauchen Insights z.B. zur Unternehmenskultur oder zu Gehältern. Denn Bewerber wollen nicht länger nur einen Job, sie suchen „den“ Job, der wirklich zu ihnen passt.

4. Kandidaten brauchen ein Netzwerk, um andere zu fragen, wie es wirklich ist, in einem bestimmten Unternehmen zu arbeiten.

In diesen ersten vier Bereichen sind wir mit XING und kununu gut aufgestellt. Das sind Trümpfe, hier müssen unsere Mitbewerber aufholen.

5. Die fünfte Herausforderung ist für alle gleich: Der Dialog mit den Bewerbern über die Dinge, die ihnen persönlich bei der Job-Wahl wichtig sind. Zum Beispiel die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten.

Das zu verstehen und unser Produkt an den ersten vier Bereichen auszurichten, ist unsere wichtigste Herausforderung, um die Relevanz von XING weiter zu steigern. Das sind die Assets, die wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben und die wir in einem sich verändernden Markt nutzen werden, um uns noch deutlicher vom Wettbewerb zu differenzieren.

Wir sind also dabei, ein neues XING zu gestalten. Die meisten von uns sind in einem Arbeitgebermarkt sozialisiert worden. Das ändert sich. Viele Menschen haben jeden Tag die Wahl, wo sie arbeiten wollen. Dieser Markt hat sich dramatisch verändert.

Die meisten von uns sind in einem Arbeitgebermarkt sozialisiert worden. Das ändert sich.

Foto New Work SE Sun Deck
New Work SE „Sun Deck“ ©NewWorkSE

Ähnlich optimistisch wie Sie äußerte sich kürzlich eine große Jobbörse. Der Fachkräftemangel würde bleiben, die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei auch in Zukunft durchaus rosig…

Thomas Kindler: Viele Jobbörsen haben in den letzten Jahren sehr gute Arbeit geleistet. Aber sie bieten nur bezahlte Anzeigen an. Damit sind wir bei einer der fünf Herausforderungen. Aus Bewerbersicht ist das ein eingeschränktes Angebot. Hier versuchen wir uns zu differenzieren, indem wir mit mehr als einer Million Jobs im XING Stellenmarkt eine möglichst große Auswahl bieten.

Ich habe den Eindruck, dass so manche XING-Mitglieder noch nicht ganz verstanden haben, wie sehr sich das Unternehmen verändert hat. Letztes Jahr war die Empörung groß, als Gruppen geschlossen wurden und es keine Events mehr gab. Aus dem Kontaktnetzwerk XING ist ein Jobs-Netzwerk geworden, heißt es in Ihrem Geschäftsbericht 2022. Was ist XING jetzt?

Thomas Kindler: Wir sind auf dem Weg zum Jobs-Netzwerk. Und wir konzentrieren uns darauf, unser Profil in Richtung Recruiting-Business zu schärfen. Wir begleiten den Wandel vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt. Deshalb geht es bei XING heute weniger um die Selbstpositionierung der User, sondern darum, den Usern den besten Überblick zu verschaffen, was für sie in ihrem Job-Leben möglich ist. Dazu muss ich verstehen, was die Nutzer wirklich wollen, und ihnen für ihre spezifischen Wünsche das Passende anbieten.

Machen das heute nicht alle?

Thomas Kindler: Das können nicht alle. Woher sollen sie beispielsweise die Kultur eines Unternehmens kennen? Mit kununu sind wir absoluter Marktführer bei den sogenannten „Workplace Insights“, also Millionen Kultur- und Gehaltsdaten zu hunderttausenden Unternehmen. Das ist auch ein Vorteil unseres Netzwerkes. Nutzer können in unserem Netzwerk zwei Wege gehen. Einmal kann ich als Bewerber andere fragen, wie die Arbeit in einem Unternehmen wirklich ist. Dann kann ich aber auch fragen, wer die für mich relevanten Recruiter sind. Hier werden Active und Passive Sourcing viel stärker ineinander übergehen – das wird auch für unsere Nutzer immer sichtbarer.

Seit Januar 2023 haben alle XING-Nutzer Zugang zu allen Jobs auf der Plattform, auch zu denen, die bisher nur Mitgliedern vorbehalten waren. Das entspricht sowohl unserer Strategie als auch einem globalen Megatrend.

Foto New Work SE Dachterrasse
New Work SE „Dachterrasse“ ©Nils Hasenau

Kommen wir noch einmal auf Punkt 4 der von Ihnen genannten Herausforderungen zurück. Netzwerk: Das ist die Stärke von XING. Ein Netzwerk oder eine Community soll ja, wie Wikipedia sagt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Das heißt, es lebt nicht zuletzt von seinen Mitgliedern – und deren Interaktion. Reichen die Aktivitäten der Unternehmenskommunikation von XING aus, um das Besondere eines Netzwerks zu sichern?

Thomas Kindler: Das ist eine interessante Frage. Unsere Nutzer sagen, dass die Lautstärke in den sozialen Medien zugenommen hat und dass sie an qualitativ hochwertigen Inhalten interessiert sind. Ganz klar: XING ist kein Social Network mehr, wir sind ein Jobs-Netzwerk. Und damit stellen wir uns auch die Frage, welche Informationen wir unseren Nutzern in Zukunft im Feed zur Verfügung stellen. Wir stellen Unternehmenskulturen vor, teilen Gehaltsbenchmarks, stellen relevante Jobs vor. Wie viel Selbstpositionierung sollte da aus Bewerbersicht noch Teil von XING sein?

Bei XING geht es heute weniger um die Selbstpositionierung der User, sondern darum, den Usern den besten Überblick zu verschaffen, was für sie in ihrem Job-Leben möglich ist.

Die Personal Brands sind dann folgerichtig jetzt auf LinkedIn präsent.

Thomas Kindler: Mit dem Zusammenschluss von XING, kununu und onlyfy by XING haben wir uns klar positioniert. Wir wollen ein Jobs-Netzwerk sein, in dem Menschen ihre neuen Herausforderungen gestalten können und unter der Prämisse, dass ein Arbeitnehmermarkt entsteht, einem Arbeitnehmer das bestmögliche Angebot machen. Und dazu ist relevanter Content rund um die Karriere sicherlich etwas, was die Menschen in Zukunft bewegen wird.

Das Interview führte Helge Weinberg, Herausgeber HR JOURNAL

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