David Vitrano: Die bekannten Herausforderungen bleiben

| | , ,

Gebremstes Wachstum, „langfristig gute“ Perspektiven. Interview mit David Vitrano, Geschäftsführer Xing E-Recruiting, über HR heute, Pläne und Produkte.

Der „Xing-TalentService“ und die „Sofortbewerbung“ bei den Xing-Stellenanzeigen sind die Top-Highlights von Xing E-Recruiting auf der Zukunft Personal Europe Virtual 2020. Virtuell natürlich, wie die gesamte Messe. Ein Ausnahmejahr für die Zukunft Personal, für HR und ein Ausnahmejahr für das Unternehmen. Dieses ist „mit gebremstem Wachstum unterwegs“, wie es David Vitrano im Gespräch mit Helge Weinberg vom HR JOURNAL formuliert. Sind die gewohnt satten jährlichen Zuwächse erst einmal Geschichte? Was hat sich verändert im Corona-Jahr, für das Unternehmen, für das E-Recruiting, für HR? Hier kommen Fragen und Antworten.

Wie lautet die Bilanz für XING E-Recruiting zum Corona-Jahr 2020?

David Vitrano: Wir haben versucht, Unternehmen in der Krise zu coachen und haben vielerlei Inhalte als Hilfestellung zur Verfügung gestellt. Auf diesem Wege hat sich auch die Interaktion mit den Unternehmen stark gesteigert und wir haben sehr viele Rückmeldungen erhalten. Dabei ist ein Punkt besonders deutlich geworden: Die Rolle von HR hat sich schlagartig verändert. HR war plötzlich als Krisenmanager gefordert und stärker auf der „Kommandobrücke“ präsent. Ich hoffe, dass das etwas anhält.

Im Neugeschäft mussten wir durchaus deutliche Rückgänge verzeichnen. Insgesamt aber bleibt unser Geschäft aufgrund von Langzeitverträgen stabil. Aktuell sind Fachkräftemangel und Recruiting keine besonders gefragten Themen. Die Unternehmen konzentrieren sich erst einmal darauf, gut durch die Krise zu steuern. Über Employer Branding reden wir mit vielen unserer Kunden aber durchaus. Die bekannten Herausforderungen werden ja zurückkommen, denn der demographische Wandel wird bleiben. Klar ist, dass weiterhin rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen. Auch die HR-Verantwortlichen selbst sehen Fachkräftemangel als mittel- und langfristigen Trend. Bei einer XING-Umfrage unter HR-Verantwortlichen im Juni 2020 gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, dass der Fachkräftemangel für sie auch weiterhin eine große Herausforderung ist.

In den letzten Tagen ging die Meldung durch die Medien, dass die NEW WORK SE in 2021 16 Millionen Euro einsparen will. Wie hat sich das Geschäft seit dem letzten Halbjahresbericht entwickelt? Anfang August klang alles noch recht positiv.

David Vitrano: Wir brauchen finanziellen Spielraum, weil wir als Gruppe in zukünftige Wachstumsfelder investieren wollen. Wie bereits beschrieben, sind wir jedoch mit gebremstem Wachstum unterwegs und haben uns daher unsere Kostenpositionen sehr genau angeschaut. Zunächst haben wir Sachkosten geprüft und reduziert und da dies leider nicht ausreicht, haben wir beschlossen, einzelne Aktivitäten zu reduzieren. Dabei handelt es sich um Aktivitäten, in die wir in der Vergangenheit investiert haben, die aber besonders von den Effekten der Pandemie betroffen sind – beispielsweise Honeypot mit seinem besonders transaktionalen Geschäft. Für die Einordnung: Die meisten Teams der New Work-Gruppe sind nicht betroffen, bei der Tochter Honeypot muss mit 30 Mitarbeitern die größte Gruppe gehen. Nach unserer Planung hat die gesamte Gruppe zum Jahresende immer noch mehr Mitarbeiter als zu Beginn des Jahres.

Wann erwarten Sie eine nachhaltige Erholung des Marktes?

David Vitrano: Abhängig davon, ob sich das Infektionsgeschehen nicht noch schlechter entwickelt als es gerade ist, könnte ich mir vorstellen, dass wir Anfang 2022 wieder auf Vor-Corona-Niveau sind.

Sie hatten HR als Krisenmanager gelobt. Mein Eindruck ist momentan, dass HR wieder in die alten Rollen zurückzufallen scheint. Wie sehen Sie das?

David Vitrano: Wenn wir uns auf die Recruiting- und Employer Branding-Disziplinen fokussieren, dann sehen wir gerade im Mittelstand das Bedürfnis nach Hilfestellung. Wir spüren, dass es großen Informationsbedarf zu der Frage gibt: Wie mache ich eigentlich Recruiting in der neuen Realität? Ganz banale Dinge spielen da eine Rolle, wie „ich kann ja doch Videos einsetzen in der Candidate Journey“, diagnostische Werkzeuge nutzen oder sich von der Technologie unterstützen lassen. Wir sehen auch, dass es viele Entscheider umtreibt, wie sie sich im Wettbewerb noch positionieren und vor allem differenzieren können. Ich glaube, dass ein Bedürfnis entsteht, KPI-gesteuert HR voranzutreiben und eine gewisse Digitalisierungslücke zu schließen. Aber nicht überall und nicht in der Breite.

Wer äußert welches Bedürfnis? Sind das die Personaler oder ist das die Geschäftsführungsebene?

David Vitrano: Das Thema „Video“ ist eher auf Anwenderebene gefragt. Die Frage nach der Weiterentwicklung des Recruitings per KPIs umtreibt derzeit viele Personalentscheider und die Gewichtung der Digitalisierungsfrage, das liegt im Verantwortungsbereich der Geschäftsleitung.

Was hat sich durch die Krise grundlegend im E-Recruiting verändert?

David Vitrano: Fachkräfte wählen Jobs und Arbeitgeber nach wie vor sehr bewusst – das nimmt mehr Zeit in Anspruch. Auf der anderen Seite wollen Unternehmen die Einstellungszeit so kurz wie möglich halten. Unternehmen mit einem hohen digitalen Reifegrad sind hier im Vorteil, da zeitintensive Prozesse automatisiert werden können. Aus unserer Sicht muss die Zukunft im Recruiting daher technologiebasiert und datengetrieben sein. Die Rolle von HR in diesem Bereich sollte sich auf das Wesentliche fokussieren: die Kontaktpunkte zu den Talenten. Die Candidate Journey sollte einfacher und unkomplizierter gestaltet sein. Recruiter werden perspektivisch ein anderes Skillset benötigen als heute.

Springen wir doch einmal von den Trends beim E-Recruiting zu den Trends bei Xing. Die Messe Zukunft Personal steht vor der Tür. Was sind die Top-Highlights von Xing auf der Messe?

David Vitrano: Wir haben drei Themen. Wir treiben die komplette Überarbeitung des Employer Branding-Angebots auf Xing und die native Einbindung in IOS und Android weiter voran. Auf kununu, unserer zweiten großen Plattform für Employer Branding-Aktivitäten von Unternehmen, werden look and feel und die Steuerung der Talente-Seite komplett überarbeitet.

Das zweite Thema: Wir werden eine Option „Sofortbewerbung“ bei den Xing-Stellenanzeigen anbieten. Bisher war es so, dass potenzielle Bewerber meist in die ATS-Systeme der Unternehmen weitergeleitet wurden. Mit der Sofortbewerbung können sich nun Kandidaten von Xing aus mit ihrem Profil bewerben. Die Daten werden direkt in die ATS-Systeme der Unternehmen eingespeist. Die Nutzer werden zudem auch sehen können, wo sie sich überall beworben haben.

Das dritte Thema: Der „Xing-TalentService“. Wir wollen die oft aufwendigen Teilprozesse im Active Recruiting für unsere Kunden besser und schneller gestalten. Besser werden sie, indem wir Consultants an den Stellen einsetzen, wo menschliches Urteilsvermögen relevant ist. Schneller werden sie, indem wir mit unserem Technologie-Know-how den Automatisierungsgrad deutlich erhöhen. In der Kombination ergibt dies das neue Angebot des TalentService, eine Mischung aus Technologie und Human Touch.

Wie das funktioniert? Unsere Kunden füllen in einem Briefingformular die wichtigsten Informationen zu einer offenen Position aus. Sie erhalten dann eine erste automatisierte Longlist an Kandidaten. Jetzt kommt der Service-Ansatz hinzu. Aus der automatisierten Longlist wird eine kuratierte Longlist erarbeitet. Die auf der Longlist enthaltenen Kandidaten sprechen wir an, teilweise über Natural Language-automatisierte Templates und über kurze persönliche Interviews, ob die den Profilen enthaltenen Infos wie etwa zur Wechselwilligkeit auch zutreffen. Die Unternehmen erhalten dann eine Shortlist mit drei bis sieben Kandidaten. Dieser neue Service wird insbesondere mittelständischen Unternehmen mit vielen offenen Vakanzen eine große Hilfe sein, denn die klassischen Stellenanzeigen haben hier oftmals keinen Erfolg mehr.

Welchen Hintergrund bringen die Consultants mit?

David Vitrano: Die Consultants bringen entweder aus Unternehmen Recruiting Know-how mit. Oder es sind Mitarbeiter, die sich aus dem Success Management bei Xing weiterentwickelt haben, die täglich im Kontakt mit unseren Kunden sind. Einige kommen aus klassischen Personalberatungen.

Von wie vielen Consultants sprechen wir da?

David Vitrano: Zum Start werden fünf Consultants in dem Bereich tätig sein.

Im letzten Jahr haben Sie Honeypot gekauft und wollen damit IT-Fachkräfte anlocken. In einem Interview hatte ich Ihren ehemaligen CEO Thomas Vollmoeller gefragt, welche Branchen die New Work SE noch im Visier hat. Er sagte: „Natürlich gibt es noch andere Bereiche, die wir uns perspektivisch sehr wohl anschauen.“ Was wird sich hier tun?

David Vitrano: Es ist zu früh, hier was zu sagen. Mit Petra von Strombeck haben wir eine tolle neue Vorstandsvorsitzende. Genau über solche Fragen denkt sie momentan mit den Teams nach und ich gehe davon aus, dass wir Anfang nächsten Jahres etwas weiter sind.

Noch einmal zu Honeypot. Hier sollen 30 Leute gehen. Wie ist denn die Performance von Honeypot seit der Übernahme durch Xing gelaufen?

David Vitrano: Honeypot hat, wie bereits erwähnt, durch seinen transaktionalen Charakter in der jetzigen Situation stärker gelitten als andere Geschäftsteile. Da viele Firmen ihre Einstellungsprozesse pausieren, ist ein wichtiger Teil des Umsatzes mit Beginn der Pandemie eingebrochen. Deshalb müssen wir auf kurzfristige Sicht die Ausgaben und Kosten im Rahmen halten, damit Honeypot gut für die Zukunft gewappnet ist. Langfristig sind wir optimistisch. Wir glauben an Honeypot, denn IT-Kräfte werden, nicht zuletzt auf Grund der weiter fortschreitenden Digitalisierung, zukünftig noch dringender als heute benötigt.

Was würden Sie denn den Personalern zurufen in diesen herausfordernden Zeiten? Was sollten die tun?

David Vitrano: Liebe Personaler, nutzt den Veränderungsdruck durch Corona, um Euch für die Zukunft auszurichten. Die Fachkräfte von morgen können nicht mit den Mitteln von gestern umworben werden. Heißt: Nutzt die Digitalisierung und begreift sie als Chance.

Anlass dieses Interviews ist die Messe Zukunft Personal Europe Virtual 2020, die vom 12. bis zum 16. Oktober stattfindet. Die New Work SE und Xing bieten für den gesamten Zeitraum eine eigene Veranstaltungsreihe mit renommierten Speakern an: das NWXnow HR-Special 2020. Das HR JOURNAL ist Medienpartner. Hier finden Sie das Programm.

David Vitrano ist seit 2019 Geschäftsführer des Geschäftsbereichs XING E-Recruiting. XING E-Recruiting ist ein Geschäftsbereich der NEW WORK SE und stellt dort den größten Wachstumstreiber dar. In seinen Funktionen führte er die Produkte XING TalentManager und das Employer Branding Profil ein. Er war für den Aufbau des XING Standortes Wien verantwortlich und maßgeblich an der Übernahme der Marke Prescreen beteiligt. David Vitrano studierte Wirtschaftswissenschaften (Hochschule Pforzheim) und schloss ein Studium an der Steinbeis Universität Berlin mit einem Master of Business Administration ab.

Vorheriger Beitrag

NWXnow HR-Special 2020: Das Programm

Fünf Mythen über Job und Arbeitswelt in Corona-Zeiten

Folgender Beitrag