Archaische Intelligenz und KI – gemeinsam stärker

| | , ,

Wir müssen nicht nur den Umgang mit Künstlicher Intelligenz, sondern auch mit menschlicher Intuition (wieder) lernen, sagt Professor Andreas Moring. Denn es gibt menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen, die KI niemals erreichen kann. Ein Plädoyer, sich stärker auf unsere „Archaische Intelligenz“ einzulassen, denn diese ergänzt sich mit KI. Die gute Nachricht: Intuition lässt sich trainieren.

Wir kennen generative KI wie ChatGPT mittlerweile praktisch alle als eine interessante und faszinierende Spielerei. Doch viele von uns haben ein Bauchgefühl, dass wir gerade eine Revolution erleben. Auch wenn wir nicht so ganz genau sagen können, wie wir zu diesem Gefühl kommen. Und das Gefühl ist richtig: KI und die neueste Entwicklung der generativen KI ist kein Feature, sondern ist eine universelle Technologie mit unüberschaubar vielen Einsatzmöglichkeiten.

Deswegen werden sich Jobs verändern. Märkte werden sich verändern. Organisationen und Unternehmen werden sich verändern. Und die Aufgaben werden neu verteilt zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz. Und da spielt das Bauchgefühl eine große Rolle.

Was kann KI gut, was sind die menschlichen Domänen?

Die Grundfrage für Unternehmen und Personalverantwortliche lautet: Was kann KI gut und was sind die menschlichen Domänen? Diese Frage lässt sich beantworten. Künstliche Intelligenz ist besonders gut in den Domänen Erkennen, Zuordnen, Vergleichen und ebenso Voraussagen und Optimieren. Die ersten drei genannten Aufgaben können wir getrost der KI übergeben – hier ist sie für den Menschen nicht zu schlagen.

Bei Voraussagen und Optimierungen ist das schon nicht mehr so klar und eindeutig. Gibt es viele Daten und sind die Umstände weitgehend stabil, dann kann hier KI einen guten Job machen. Sind die Umstände unsicher, gibt es eher wenige Informationen und sind die Zusammenhänge komplex und in einem größeren Kontext zu verstehen, dann müssen hier Menschen den Job übernehmen.

Fähigkeiten und Kompetenzen, die KI niemals erreichen kann

Denn genau hier liegen menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen, die KI niemals erreichen kann. Ich nenne sie „Archaische Intelligenz“. Es geht um Erfahrungswissen und menschliche Intuition. Damit können wir Menschen genau die Fragen beantworten und Dinge verstehen, wo KI uns keine Antwort geben kann. Wenn es um Nachhaltigkeit geht beispielsweise; wenn es um Navigieren in Unsicherheit geht; wenn es um robuste und resiliente Strategien geht, die einfach sein müssen; wenn es um Kreativität und Innovationen geht; wenn es um Empathie geht.

Das sind Anforderungen, die praktisch alle Unternehmen erfüllen müssen. Gerade in den unsicheren und disruptiven Zeiten von heute und morgen. Der Schlüssel dazu liegt in der richtigen Kombination von Artificial Intelligence und Archaic Intelligence: AI + AI. Denn es geht hier nicht um Gegensätze oder Konkurrenz, es geht um Komplementäre.

Menschliche Intuition wird zur wichtigen Kompetenz

Das bedeutet gleichzeitig folgendes. Wir müssen nicht nur den Umgang mit Generativer Künstlicher Intelligenz lernen. Wir müssen auch den Umgang mit menschlicher Intuition (wieder) lernen. Die menschliche Intuition wird gerade im Zeitalter der Hyperdigitalisierung mit leistungsfähiger und allgegenwärtiger KI zur wichtigen Kompetenz.

Bisher wird Intuition eher argwöhnisch betrachtet und abgetan. Intuitive Entscheidungen werden gemeinhin in Unternehmen nicht akzeptiert. Weil sie nicht logisch begründet und auf Datenbestände zurückgeführt und bewiesen werden können. Da vertrauen Entscheidungsträger und Führungskräfte doch lieber auf „intelligente“ Systeme, die aus Daten Analysen erstellen und gleich noch die optimale Lösung mit empfehlen.

Es gibt hier nur gleich mehrere Probleme:

  1. In vielen Fällen gibt es gar kein eindeutiges und berechenbares Optimum.
  2. Die rechnerisch optimale Lösung muss nicht auch automatisch die langfristig robuste und nachhaltige Lösung sein.
  3. Unsicherheiten lassen sich nicht einfach wegrechnen.
  4. KI kann keine Verantwortung übernehmen. Deswegen sollten Führungskräfte ihr auch nicht die Verantwortung für Entscheidungen zudelegieren, weil sie selber das Risiko fürchten.

Intuition lässt sich trainieren

Die gute Nachricht lautet hier: Wie jede Kompetenz, lässt sich auch Intuition trainieren und üben, um sie richtig anzuwenden. Wichtig ist hier zu wissen, dass Intuition nur in Bereichen verlässlich funktioniert, in denen Menschen auch theoretisches Wissen und praktische Erfahrungen haben. Ansonsten ist es schlicht ahnungsloses Raten – und das ist nicht ratsam. Da, wo Menschen Erfahrungen haben und eine Art von Expertise aufgebaut haben, können sie sich auf ihre Intuition verlassen.

Das ist übrigens so ähnlich wie bei KI: Auch neuronale Netze müssen in einem Bereich trainiert werden, damit sie autonom und verlässlich „performen“. Das Training der menschlichen Intuition geht aber eben nicht mit Rohdaten, sondern mit Konzentration und Fokussierung, mit Körperbewusstsein und einem bewussten Umgang mit Emotionen.

Den Zugang dazu lernen Menschen am besten dort, wo diese Archaische Intelligenz herkommt. In der Natur. Nicht im Büro oder Seminarraum. Ein Leitfaden und Anleitungen dazu gibt es unter anderem im Buch „Künstliche Intelligenz und Intuition“, das im Sommer bei Springer Science erscheint. Aus der Natur müssen diese Kompetenzen dann aber natürlich wieder in den Berufs- und Unternehmensalltag integriert werden. AI + AI also.

Archaische Intelligenz und Künstliche Intelligenz – eine Aufgabenteilung

Bei welchen Entscheidungen sollten wir nun auf Künstliche Intelligenz vertrauen und wann auf menschliche Intuition? Die folgenden Kriterien dienen zur Entscheidung für AI = Artificial Intelligence oder AI = Archaic Intelligence.

  1. Aufgabe: Erkennen, Zuordnen, Vergleichen; Daten und Informationen: viel und umfangreich; Umfeld: stabil; Komplexität: niedrig; Unsicherheit: niedrig —> grundsätzlich und vornehmlich Künstliche Intelligenz
  2. Aufgabe: Optimieren und Prognostizieren; Daten und Informationen: viel und umfangreich; Umfeld: stabil; Komplexität: niedrig; Unsicherheit: niedrig bis mittel —> vornehmlich Künstliche Intelligenz mit menschlicher Reflektion und Überprüfung
  3. Aufgabe: Kontextverständnis, Kreislaufverständnis, Kreativität, Innovation; Daten und Informationen: wenig und/oder qualitativ eher schlecht und unvollständig; Umfeld: volatil; Komplexität: hoch; Unsicherheit: hoch —> vornehmlich Intuition

Das Buch zum Thema

Buchcover Künstliche Intelligenz und Intuition

Andreas Moring
Künstliche Intelligenz und Intuition:
Robuste und nachhaltige Entscheidungen in digitalen Arbeitswelten
Springer Gabler Wiesbaden (Herbst) 2023, 132 Seiten, 39,99 €
ISBN: 978-3-658-42017-8

 

 


Lesen Sie auch die folgenden Beiträge:

Andreas Moring ist Professor für Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit in Hamburg. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Verbindung von KI und menschlicher Intuition. Von Moring erscheint im Sommer sein neues Buch „Künstliche Intelligenz und Intuition“ bei Springer Science. 2021 erschien der Vorgänger „KI im Job – ein Leitfaden zur erfolgreichen Mensch-Maschine-Zusammenarbeit“. Moring leitet das JuS.Tech Institut für KI und Nachhaltigkeit und ist Ambassador am Artificial Intelligence Center ARIC in Hamburg für Mensch-KI-Kooperation.

Vorheriger Beitrag

5 Tipps: Eine offene Kommunikationskultur entwickeln

Kurze Sommerpause

Folgender Beitrag