Kündigungswelle nach Corona? Was HR tun kann

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45 Prozent der Angestellten wollen den Job wechseln. Martina Ruiß, Director Talent bei Personio, erklärt, wie HR das Personal im Unternehmen halten kann.

Eigentlich stehen alle Zeichen momentan auf Normalisierung: Die Impfkampagne rollt, die Inzidenzen sinken und auch Treffen mit anderen Menschen sind zunehmend wieder möglich. Dieses ‘Back to Normal’-Gefühl gilt auch für viele Unternehmen, die ihren Teammitgliedern zum Beispiel nach und nach das Arbeiten aus dem Büro wieder ermöglichen können. Also alles gut?

Um herauszufinden, wie es für Unternehmen nach der Krise weitergeht, hat Personio 500 Personalentscheiderinnen / -Entscheider und 2.000 Arbeitnehmerinnen / Arbeitnehmer in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Themen wie Zufriedenheit, Produktivität und Prioritäten am Arbeitsplatz befragt. Eines der Ergebnisse: Satte 45 Prozent der Angestellten geben an, in den nächsten 6 oder 12 Monaten beziehungsweise sobald sich die Wirtschaft erholt hat den Job wechseln zu wollen.

Wertschätzung, Karriere und Work-Life-Balance: Darum kündigen Angestellte

Insbesondere HR-Verantwortliche muss diese Zahl zum Nachdenken bringen. Denn wenn im Schnitt fast die Hälfte der Mitarbeitenden mit dem Gedanken spielt, sich eine neue Stelle zu suchen, dann gibt es auf jeden Fall Handlungsbedarf. Doch wo genau ansetzen? Auch hierauf liefert die Studie von Personio Antworten. Befragt nach den Kündigungsgründen, beklagen Mitarbeitende neben den fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten (30 Prozent) hauptsächliche eine mangelnde Wertschätzung für die eigene Arbeit (25 Prozent) und eine schlechte Work-Life-Balance (24 Prozent).

Aber auch wie gut oder schlecht Unternehmen durch die Pandemie geführt worden sind, hat maßgeblichen Einfluss auf die Wechselbereitschaft der Angestellten. Allerdings wird bei der Bewertung des Krisenmanagements ein grundsätzliches Dilemma deutlich: Während die befragten Personalerinnen / Personaler nämlich vor allem positiv Bilanz ziehen, sind Mitarbeitende in der Rückschau eher kritischer. So sind beispielsweise 65 Prozent der Personalerinnen / Personaler der Meinung, ihr Unternehmen habe die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden ausreichend unterstützt.

Auf der Seite der Angestellten sieht die Sache deutlich weniger positiv aus: Nur 48 Prozent stimmen dem zu. Auch bei Themen wie Kinderbetreuung und Work-Life-Balance zeigen sich Unterschiede in der Wahrnehmung: Immerhin jede/-r zweite Personalerin / Personaler meint, ihr Unternehmen hätte ausreichend Unterstützung bei der Kinderbetreuung geboten (53 Prozent). Dem stimmt jedoch nur ein Drittel zu (36 Prozent). Zudem bewerten 63 Prozent in HR die Unterstützung in Bezug auf Work-Life-Balance als gut. Von den Mitarbeitenden sieht das nur jede/-r Zweite so.

In drei Schritten gegen die drohende Kündigungswelle

Dass sie etwas tun müssen, um Angestellte dauerhaft an sich zu binden, das haben leider noch nicht alle in HR verstanden. So geben lediglich 34 Prozent in der Umfrage an, das Halten von Mitarbeitenden sei für sie die Top-Priorität in den kommenden Monaten.

Soweit zu den Zahlen. Was aber genau können HR-Verantwortliche tun, um den drohenden Brain Drain noch rechtzeitig zu verhindern? Hier sind drei Schritte, die sich in der Praxis bewährt haben:

1) Setzen Sie einen klaren Fokus auf Mitarbeitende, Kultur und HR-Strategie. Beziehen Sie das Team ein und hören Sie zu. So können zum Beispiel regelmäßige Umfragen sinnvoll sein, um ein Stimmungs- und Meinungsbild aus dem Team zu bekommen und bei Problemen rechtzeitig reagieren zu können.

2) Nehmen Sie das Feedback ernst und seien Sie mutig bei der Einführung neuer Strukturen, Prozesse oder Corporate Benefits wie zum Beispiel eine bessere Unterstützung bei der Kinderbetreuung.

3) Schaffen Sie sich selbst und Ihren HR-Kolleginnen / -Kollegen Zeit für strategische Themen, indem Sie zum Beispiel Prozesse automatisieren. So sind Sie besser auf anstehende Herausforderungen vorbereitet.

Post-Pandemie-Recruiting: So kann es gelingen

Dabei ist die Mitarbeiterbindung das eine. Wie aber schaffen es Unternehmen jetzt, in einer Zeit, in der sich die Wirtschaft nach und nach erholt und der Kampf um Talente wieder kräftig Fahrt aufnimmt, neue Talente für sich zu gewinnen? Immerhin 58 Prozent der Befragten in HR geben an, dass ihr Unternehmen vor hat, in diesem Jahr neue Leute einzustellen. Zudem, das zeigen die Umfragewerte sehr deutlich, scheint der nötige Wechselwille bei vielen Kräften vorhanden zu sein.

Mit diesen drei Tipps gelingt das Post-Pandemie-Recruiting:

1) Im Idealfall haben Sie die Corona-Zeit genutzt, um Ihren Talent Pool zu pflegen und mit interessanten Bewerberinnen / Bewerbern in Kontakt zu bleiben. Doch selbst wenn das nicht möglich war – jetzt gilt es, keine Zeit zu verlieren! Klopfen Sie bei den aussichtsreichen Kandidaten unbedingt mal wieder an und vereinbaren Sie einen Video-Call.

2) Doch nicht nur bei der proaktiven Kontaktpflege gilt es, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Auch bei der Umstellung und Nutzung digitaler Tools für Recruiting-Maßnahmen können sich Unternehmen entscheidend vom Wettbewerb abheben. Denn ein moderner und digitaler Bewerbungsprozess gilt mittlerweile als Standard und wird von Arbeitnehmer:innen vorausgesetzt. Mit Hilfe entsprechender Software-Lösungen lässt sich auf beiden Seiten wertvolle Zeit sparen.

3) Eine klare Employer Brand mit herausragender Unternehmenskultur oder individuellen Förder- und Weiterbildungsprogrammen lassen Arbeitgeber für Bewerberinnen / Bewerber besonders attraktiv erscheinen. Im besten Fall haben Recruiter die Zeit in der Krise genutzt, um sich auf eine entsprechende Strategie zu fokussieren und damit die Arbeitgebermarke zu stärken. Ansonsten ist spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Wichtig ist auch hier, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Teammitglieder und Bewerberinnen / Bewerber einzugehen. Dabei gilt grundsätzlich: Wer mit der Zeit geht und Arbeitskräften mit flexiblen, modernen Regelungen entgegenkommt, der bleibt auf Dauer zukunfts- und konkurrenzfähig.

Fazit: Nach Monaten des Ausnahmezustandes ist es für HR-Teams spätestens jetzt an der Zeit, den Kurs neu zu justieren und den Fokus auf bestehende Mitarbeitende sowie zukünftige Talente zu legen. So können Unternehmen am Ende gestärkt aus der Krise kommen und trotz aller Herausforderungen positiv in die Zukunft blicken.

Martina Ruiß ist Director Talent bei Personio und verantwortet in dieser Position den gesamten Recruiting-Prozess des schnell wachsenden Unternehmens an fünf europäischen Standorten. Personio entwickelt eine ganzheitliche HR-Plattform für Unternehmen mit bis zu 2.000 Mitarbeitenden.

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