Wie relevant ist Kreativität im Beruf?

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Sollten wir Bewerbende auf Kreativität testen? Und: Wie hängt Kreativität mit Innovation zusammen? Philipp Karl Seegers klärt auf.

Vor zehn Jahren hat die Boston Consulting Group einen Report veröffentlicht: „Innovation 2010: A Return to Prominence – and the Emergence of a New World Order”. Im Rahmen einer Befragung hatten weltweit mehr als 70 Prozent von gut 1.500 Führungskräften angegeben, dass Innovation für sie eine Top-Priorität ist. In der vorangegangenen Wirtschaftskrise hatte die Bedeutung für ein paar Jahre abgenommen, ab 2010 stand Innovation wieder im Fokus. Ähnliches könnte sicherlich auch passieren, wenn die unmittelbaren Auswirkungen der aktuellen Situation abklingen.

Was aber ist eigentlich Innovation und wie hängt diese mit Kreativität zusammen? Sollten wir Bewerbende oder Mitarbeitende auf Kreativität testen, wenn diese für Unternehmen besonders wichtig ist? Und, wie geht das überhaupt? Diese Fragen werden im Folgenden beantwortet.

Was ist Kreativität?

Kreativität und Innovation werden benötigt, um Neues zu tun oder Dinge neu zu tun. Kreativität ist hier vor allem im Bereich der Ideen-Generierung notwendig, Innovation ist der darauffolgende Schritt der Implementierung von Ideen in Form von neuen Produkten oder Prozessen.

Kreative Ideen sind aber nicht das Gleiche wie originelle Ideen. In der Wissenschaft wird Kreativität häufig als Kombination aus Machbarkeit, Effizienz und Originalität definiert. Es ist also unabdingbar, dass kreative Ideen nicht nur neu, sondern auch umsetzbar und ökonomisch sinnvoll sind.

Ein Beispiel: Auf die Frage, wie man die Züge der Deutschen Bahn verbessern könnte, um neue Kunden zu gewinnen, wäre eine originelle Antwort sicherlich Gleise zu Achterbahnen umzubauen. Dies ist aber weder machbar noch effizient und deshalb handelt es sich hierbei nicht um eine wirklich kreative Idee. Die Züge mit lückenlosem WLAN oder gutem Handyempfang auszustatten wäre hingegen in jedem Fall machbar, wahrscheinlich effizient, aber nicht wirklich originell. Wirklich kreative Ideen sind selten und diese Definition hilft zu verstehen, warum das so ist.

Wie kann man Kreativität testen?

Aus der Psychologie sind verschiedene Testverfahren zur Messung von Kreativität bekannt. Bei „Alternative Usage Tasks“ geht es darum eine alternative Nutzung für einen Gegenstand zu entwickeln. Beliebte Beispiele hierfür sind Ziegelsteine oder Zeitungen.

In sogenannten „Problem Solving Tasks“ werden Testpersonen mit realen Problemen konfrontiert und sollen diese lösen. Ein Beispiel aus der Fachliteratur ist die Frage von oben: Wie kann man Züge verbessern? Alternativen könnten darin liegen, wie man die Wartezeit in Supermarkt-Schlangen angenehmer gestalten oder den Unterricht an Schulen verbessern kann. Diese Aufgaben sind realistischer und man hat hier die Möglichkeit Probleme aus dem tatsächlichen Geschäftsmodel anzusprechen.

Kreativität muss aber nicht über Sprache gemessen werden. Es existieren auch grafische Testverfahren bei denen zum Beispiel beliebig viele Kreise unterschiedlicher Größe zu einem Bild zusammengefügt werden sollen. Diese sind deutlich abstrakter und sicher nicht für jeden Kontext gleich gut geeignet. Wie eine solche Aufgabe aussehen kann, zeigt die Grafik.

©Philipp Karl Seegers

Eines haben aber alle Testverfahren gemein: Antworten müssen „frei“ gegeben werden. Anschließend werden diese Texte oder Bilder händisch so kodiert, dass sie im Vorhinein durch Experten bewerteten Antworten entsprechen. Erfahrungsgemäß benötigt man hierfür rund 50 Musterantworten, welche vorher bewertet werden und auf die sich alle anderen Antworten matchen lassen. Natürlich existieren auch andere Möglichkeiten der Auswertung, allerdings sind diese eher einfach und nicht unbedingt aussagekräftig. So nutzen manche Studien als Indikator für die Kreativität auch die Anzahl an Ideen, welche in einem bestimmten Zeitfenster entwickelt wurden.

Für elaboriertere Bewertungen liegt das Hauptproblem in der freien Antwort. Diese ist für die Kodierung alles andere als optimal, weil aufwändig und nicht immer objektiv. Eine alternative Art der Fragestellung gibt es allerdings nicht, denn im Gegensatz zu einem IQ-Test funktionieren hier keine Multiple-Choice-Fragen. Und: Eine Selbstauskunft, wie zum Beispiel bei Persönlichkeitstests ist schwierig, weil die wenigsten Menschen ihre Kreativität richtig einschätzen können. Darüber hinaus sind Selbsteinschätzungen in Bewerbungssituationen generell alles andere als täuschungssicher.

In der Zukunft wird es spannend sein, zu beobachten, inwieweit neue Modelle, zum Beispiel aus dem Bereich Natural Language Processing, helfen können, die Kodierung solcher Verfahren zu automatisieren. Dies hätte einen großen Effekt auf die Durchführbarkeit, da die Kosten stark gesenkt werden könnten. Darüber hinaus sind auch mögliche positive Effekte auf die Qualität denkbar, da die Verfahren objektiver werden. Das Feld der psychologischen Diagnostik bietet viele interessante Anwendungsfelder für künstliche Intelligenz, dies ist eines davon.

Ist Kreativität überhaupt wichtig?

Hier ist die Studienlage längst nicht so eindeutig wie zum Beispiel bei kognitiven Leistungstests. Dass der „IQ“ ein guter Prädiktor für den späteren Arbeitserfolg ist, ist inzwischen gut belegt. Bei Kreativität gibt es einige Studien, die zeigen, dass gerade in künstlerischen Berufen bereits die Kreativität im Kindesalter ein guter Indikator für den späteren Erfolg ist. In den meisten Bereichen ist die Bedeutung von Kreativität aber weniger gut belegt. Eine allgemeine Relevanz lässt sich also nicht feststellen, sondern es kommt – ähnlich wie bei manchen Persönlichkeitsdimensionen – auf die konkrete Stelle an. Nur positiv ist Kreativität aber in jedem Fall nicht: In der Vergangenheit wurde bereits gezeigt, dass kreative Personen häufiger Konflikte mit anderen Mitarbeitenden haben.

Wenn man all dies berücksichtigt, dann ist es aktuell sowohl schwierig, im Rahmen eines Einstellungsprozesses auf Kreativität zu testen als auch unklar, ob diese überhaupt für eine Mehrzahl der Berufe relevant ist. Die Wichtigkeit – oder wissenschaftlich gesprochen, die prädiktive Validität – von Kreativität kann sich aber natürlich verändern, wenn sich die beruflichen Anforderungen ändern. Die steigende Digitalisierung und der damit einhergehende Wandel der Arbeit könnte dann nicht nur Kreativität wichtiger werden lassen, sondern auch diagnostische Verfahren ermöglichen, die diese besser, günstiger und schneller testen können.

Innovation mag für viele Unternehmen überlebenswichtig sein, die Kreativität von Bewerbenden im Einstellungsprozess zu testen erscheint nicht unbedingt hilfreich. Wer diese allerdings für besonders wichtig erachtet und hier aktuell einfach auf sein Bauchgefühl vertraut, der ist mit einem Testverfahren auch heute schon besser beraten.

Dr. Philipp Karl Seegers beschäftigt sich als „Labour Economist" mit dem Übergang zwischen Bildung und Arbeitsmarkt. Zusammen mit Dr. Jan Bergerhoff und Dr. Max Hoyer hat Seegers das HR-Tech Unternehmen candidate select GmbH (CASE) gegründet, welches große Datensätze und wissenschaftliche Methoden nutzt, um Bildungsabschlüsse vergleichbar zu machen. Philipp ist Projektleiter des durch das Land NRW und die EU geförderten Projektes FAIR („Fair Artificial Intelligence Recruiting“). Darüber hinaus forscht Philipp als Research Fellow der Maastricht University und als Initiator der Studienreihe „Fachkraft 2030“ an Fragestellungen im Bereich Bildungsökonomie, psychologische Diagnostik und Arbeitsmarkt.

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