Welche Auswirkungen hat die Corona-Zeit auf die Psyche?

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Wie können Unternehmen die Belegschaft mental stabil halten? Hier kommen Antworten von Reinhild Fürstenberg zum Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.

Haben mentale Belastungen durch Corona zugenommen?

Dafür gibt es zurzeit noch keine verlässlichen Daten. Einige Menschen kommen besser durch die Krise als andere, deshalb sind die in Fehlzeiten aufgrund psychischer Belastungen derzeit noch stabil. Wir sollten aber unbedingt aufmerksam bleiben, denn in der kommenden dunklen Jahreszeit müssen wir damit rechnen, dass es Menschen mental schlechter geht.

Welche Themen beschäftigen die Menschen im Beruf jetzt?

Nach wie vor geht es im Hinblick auf Corona vor allem um Unsicherheiten und Ängste auf verschiedenen Ebenen. Die große Frage ist für viele: Wie geht es weiter? Welche Auswirkungen wird Corona auf mein Unternehmen haben? Ist mein Arbeitsplatz in Gefahr? Was wird sich noch alles verändern? Viele finden sich in einer „neuen“ Arbeitssituation wieder. Isolation im Homeoffice, neue digitale Arbeitsmittel, fehlende Perspektiven und Planbarkeit oder finanzielle Sorgen durch Kurzarbeit gehen oft damit einher.

Wie können Kolleginnen/Kollegen und Führungskräfte reagieren, wenn jemand über einen längeren Zeitraum niedergeschlagen erscheint?

Wenn Sie bei Kollegen oder Freunden Veränderungen bemerken, sollten Sie Ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen und die Person ansprechen. Dadurch bekommt die betreffende Person oft erst mit, dass die mentale Belastung eine Außenwirkung hat und ist möglicherweise eher bereit, an den Problemen proaktiv zu arbeiten und sich helfen zu lassen. Folgenden Auffälligkeiten können auf mentale Belastungen hinweisen:

  • Angespanntheit, Gereiztheit, aggressive und nicht einschätzbare Reaktionen
  • Niedergeschlagenheit, Bedrücktheit, abwesend oder „in-sich-gekehrt“ sein
  • Außergewöhnliche Unruhe, Erschöpfung, Klagen über Schlaflosigkeit, körperliche Beschwerden (zum Beispiel Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Rückenbeschwerden)
  • Rückzug, untypische Vermeidung von Kontakten
  • Übersteigerte Empfindlichkeit gegenüber Kritik
  • Verbreitung schlechter Stimmung
  • Misstrauen und Negativerwartungen anderen gegenüber, heftige Kritikäußerungen oder Vorwürfe
  • Unkonzentriertheit, Konfusion, Langsamkeit, fehlende Aktivität, Unzuverlässigkeit, Vergesslichkeit

Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut im Blick haben – nicht nur wegen der Fürsorgepflicht. Bei Auffälligkeiten sollten sie frühzeitig auf sie zugehen, mit ihnen sprechen und bei Bedarf auf professionelle Hilfsangebote hinweisen.“

Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich 2020 mehr Menschen das Leben nehmen als sonst?

Aktuelle Untersuchungen belegen, dass die Anzahl der Suizide in der Corona-Zeit sogar etwas abgenommen hat. Das sollte aber kein Grund sein, nicht weiter aufmerksam zu bleiben. Frühere Finanzkrisen haben gezeigt, dass die Selbstmordrate zeitversetzt zugenommen hat. Die mit Abstand häufigste Ursache für einen Selbstmord sind Depressionen und die nehmen derzeit zu. Auch coronabedingte Probleme wie Arbeitslosigkeit, finanzielle Sorgen, Beziehungskonflikte, Ängste oder Alkoholmissbrauch haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Da sollten Unternehmen frühzeitig mit präventiven Hilfsangeboten gegensteuern.

Viele Unternehmen suchen jetzt nach Hebeln, um Kosten zu senken. Lohnt sich eine Investition in Mitarbeitergesundheit dennoch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten?

Unbedingt. Unternehmen brauchen gerade jetzt gesunde, stabile Mitarbeitende, um gut durch die nächste Zeit zu kommen. Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wegen psychischer Erkrankungen und Belastungen lange Ausfallzeiten haben, beeinträchtigt das nicht nur die Leistung einer Abteilung, sondern kostet auch eine Menge Geld. Die gerade veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt: Firmen, die ein effektives Gesundheitsmanagement etabliert haben, erreichen bis zu elf Prozent mehr Umsatz, einen 76 Prozent höheren Aktienwert und haben eine 40 Prozent geringere Fluktuation.

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Reinhild Fürstenberg ist Gründerin und Geschäftsführerin des Fürstenberg Instituts. Das systemische Beratungsunternehmen unterstützt Firmen dabei, Mitarbeiter gesund und leistungsstark zu halten, Zukunftskompetenzen in der Belegschaft aus- und aufzubauen und so psychische Belastungen in herausfordernden Veränderungs- oder Krisensituationen zu reduzieren. Die Lösungsstrategien beinhalten ein Beratungsangebot für Mitarbeiter und Führungskräfte (EAP), die gesundheitsorientierte Organisationsberatung, den Work-Life-Service sowie die Entwicklungs- und Qualifizierungsangebote der Fürstenberg Akademie.

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