„Her mit den ungeschliffenen Lebensläufen!“

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Wir suchen Menschen, die wirklich Lust haben, bei uns zu arbeiten, sagt Andreas Schiemann, Geschäftsführer Marantec Company Group. Perfekte Lebensläufe und Arbeitszeugnisse sind zweitrangig.

Her mit den ungeschliffenen Lebensläufen, her mit den Quereinsteigern. Wir Mittelständler müssen uns verändern – und zwar schnell und auf allen Ebenen. Nur so werden wir den digitalen Wandel schaffen und zukunftsfähig bleiben. Diese Transformation muss sämtliche Bereiche der Unternehmen betreffen, auch das Recruiting. Denn wir brauchen im Mittelstand engagierte Talente, die den Wandel mit uns vorantreiben.

Wir bei der Marantec Company Group gehen beim Recruiting längst neue Wege – nicht erst seit Corona. Ein komplett remote abgehaltener Bewerbungsprozess: Es funktioniert! Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dort wohnen bleiben, wo sich ihr Lebensmittelpunkt befindet, und nicht zu uns ins ostwestfälische Marienfeld ziehen: natürlich! Beim HR gilt es, heute mehr denn je flexibel zu sein und den Mitarbeitenden die Umgebung zu schaffen, in der sie sich wohl fühlen. Dann sind sie motiviert und können ihr Potenzial voll ausschöpfen. Der Mensch und das Miteinander machen für uns den Unterschied und damit den Erfolg. Um das zu erfüllen, muss sich die Arbeit den Menschen anpassen und nicht umgekehrt.

Wie aussagekräftig ist ein klassisch gestalteter, “perfekter” Lebenslauf?

Ein perfekter Lebenslauf steht bei der Auswahl neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für uns nicht im Vordergrund. Ich glaube sogar, dass die Suche danach eher schadet als nutzt, will man neue Talente für sein Unternehmen entdecken. Denn sie schränkt den Blick ein. Automatisch ergeben sich bei der Durchsicht der Lebensläufe A- und B-Kandidatinnen / -Kandidaten. So mancher landet dabei auf dem falschen Stapel und fällt durchs Raster.

Überhaupt: Wie aussagekräftig ist so ein klassisch gestalteter, “perfekter” Lebenslauf? Ganz ehrlich: Ich war da schon immer skeptisch. Nicht jeder beherrscht die Kunst, den Lebenslauf richtig und entsprechend der jeweiligen Erwartungen zu gestalten, aber ist er deshalb wirklich für den Job ungeeignet? Auch kann man sich in den Bereich einlesen, Profis engagieren und den Lebenslauf “frisieren”. Lücken und Umwege werden ausgemerzt, weil das so erwartet wird. Dann wird der Lebenslauf schnell nur Show. Die reale Person verschwindet dahinter. Dabei ist doch gerade die interessant. Auch haben Lücken und Umwege oft einen Hintergrund und sind mit besonderen Erfahrungen verbunden, die den/die Bewerber/-in besonders wertvoll machen können.

Das Leben verläuft nicht immer linear

Jeder kann mal einen Job haben, der nicht ideal ist, oder braucht für eine Entwicklung Zeit. Das kann und sollte sich auch im Lebenslauf widerspiegeln. Erst dann wird der Lebenslauf authentisch – und hilft bei der Suche nach Talenten, die zum Unternehmen passen und für das brennen, was sie tun.

Für uns im Mittelstand ist ein (linearer) Lebenslauf daher unwichtig. Uns geht es um das Leben der Bewerberinnen und Bewerber. Und hier dürfen auch Lücken oder Fehler auftauchen, denn die gehören zum Leben. Wir sind auf der Suche nach Menschen, die wirklich Lust haben, bei uns zu arbeiten. Haben wir die gefunden, fördern wir sie und bilden wir sie entsprechend weiter aus. Ich denke, genau diese Offenheit und den positiven Umgang mit Fehlern brauchen wir heute in Konzernen im mittleren Management und im Mittelstand, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten. Der Mittelstand ist nicht “glatt”, Entwicklungen verlaufen nicht immer linear und für die Transformation brauchen wir mehr “Typen”.

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Gute Noten machen noch kein Talent

Ähnlich sieht das bei uns mit Zeugnissen aus. Natürlich sind gute Noten eine vielversprechende Basis, aber sie machen noch lange kein Talent. Und auch die klassischen Arbeitszeugnisse haben für mich wenig Aussagekraft. Hier verschwindet der Mensch hinter einer ganzen Reihe von Regeln und Formalien – “weil man das eben so macht”. Gleiches gilt für Universitätsabschlüsse und Titel. Ich rate meinen Kindern zwar auch zu Abitur und Studium, für einen guten Start ins Berufsleben ist dieser Weg aber keinesfalls zwingend. Das weiß ich als gelernter Handwerker und Kaufmann aus eigener Erfahrung.

Für den beruflichen Erfolg sind vielmehr die persönlichen Skills und Erfahrungen wichtig. Meiner Meinung nach können gerade handwerkliche, kaufmännische und soziale Ausbildungen dazu befähigen, in bestimmten Positionen zu arbeiten. Zudem ist es Typfrage, wie man sich Wissen aneignet. Manche schaffen das autodidaktisch, andere brauchen den Hörsaal, einige einen Coach. Aufgabe von HRlern ist es daher, sich die Menschen genau anzuschauen, um ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial zu erkennen.

Wir beschäftigen uns lieber mit dem Menschen

Im Gespräch und im konkreten Tun gelingt das meiner Erfahrung nach am besten. Dabei findet man viel mehr über jemanden heraus, als das durch Lebenslauf und Zeugnisse jemals möglich wäre. Wir beurteilen Menschen daher nicht nach Bewertungen und Zeugnissen, wir beschäftigen uns lieber mit ihnen. Wir verbringen sehr viel Zeit mit den Kandidatinnen und Kandidaten, arbeiten an Sachthemen, erklären unsere Strategie und Methoden und wie die interne und externe Zusammenarbeit bei uns funktioniert. So finden wir heraus, ob ein/e Bewerber/in zum Unternehmen passt und wirklich Lust darauf hat, bei uns etwas zu bewegen.

Insgesamt gilt es also, offen zu sein und auch im Recruiting neue Wege zu gehen. Die Konzentration auf perfekte Lebensläufe und Bestnoten stört dabei eher. Sie schränkt ein und sagt wenig über den Menschen und sein Potenzial aus. Der Fokus muss vielmehr auf den tatsächlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten einer Person liegen. So kann es gelingen, echte Talente für den Mittelstand zu gewinnen – damit dieser weiterhin als Rückgrat der deutschen Wirtschaft stark und zukunftsfähig bleibt.

Lesen Sie auch die folgenden Beiträge von Andreas Schiemann:

Warum die Generation Z im Mittelstand arbeiten sollte

Warum Recruiting ein Job der Geschäftsführung sein sollte

„Stellenbeschreibungen schränken die Kreativität ein“

Andreas Schiemann ist Geschäftsführer der Marantec Company Group und für die strategische Ausrichtung der Unternehmensgruppe verantwortlich. Er fokussiert sich darauf, neue Geschäftsfelder zu schaffen und zu besetzen – zum Beispiel in Form von Kooperationen.

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