Je digitaler, desto illoyaler: Flexibilität contra Bindung

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Welcome flexibility – bye-bye, loyalty! Ein Zuviel an Flexibilität kann zu Halt- und Maßlosigkeit führen, sagt Thomas Hartenfels, Director bei Robert Walters. Und: Arbeitgeber und Kolleginnen / Kollegen werden austauschbar, Wechselhürden aus Remotestellen heraus gering.

„Können mich alle sehen und hören“ – ein Satz, den wir in den letzten Jahren und Monaten öfter als in den zehn Jahren zuvor gehört haben.

Häufig gefolgt von der amüsiert-genervten Ergänzung „Du bist noch auf mute.“

So lautet mittlerweile das klassische Intro unseres Tagesgeschäfts in zahllosen Online-Meetings. Durch die für manche altbekannte, aber für sehr viele neue Arbeitsorganisation, die uns Corona beschert hat, und die um ein Vielfaches gestiegene Zeit im Homeoffice, kennen wir diese Sätze zwar alle, aber wollen wir uns eigentlich dauerhaft daran gewöhnen?

Welcome flexibility – bye-bye, loyalty!

Da sitzen wir also am Küchentisch / Wohnzimmertisch / Schreibtisch und arbeiten in den eigenen vier Wänden für einen Arbeitgeber, der weit weg ist – ebenso wie die Kolleginnen und Kollegen, die Kunden und die Unternehmenszentrale. Und werden Arbeitgeber und Kolleginnen / Kollegen nicht zuletzt durch den gestiegenen Homeffice-Anteil immer austauschbarer?

Homeoffice ermöglicht es uns, dass wir in Deutschland wohnhaft für einen in den USA (oder setzen Sie ein beliebiges anderes Land ein) ansässigen Arbeitgeber arbeiten. Welche Gründe gibt es dann noch für genau unseren aktuellen Arbeitgeber zu arbeiten? Jetzt, wo uns alle Türen offenstehen und wir trotz überschaubarer persönlicher Mobilität remote auf der ganzen Welt angestellt sein können. Für eine Gehaltserhöhung von 10-30 Prozent können wir morgen für ein anderes Unternehmen am eigenen Küchentisch / Wohnzimmertisch / Schreibtisch sitzen.

Kann man unter diesen Prämissen überhaupt noch von einem herkömmlichen Jobwechsel sprechen? Fallen doch zahlreiche Aspekte und Risiken weg, die es bei einem Jobwechsel zuvor abzuwägen galt: unternehmenskultureller Fit, Arbeitsatmosphäre, Kolleginnen / Kollegen…

Die Wechselhürden sind denkbar gering

Unterm Strich sind die Wechselhürden aus Remotestellen heraus denkbar gering und wir beobachten das stetige Schwinden der Loyalität gegenüber Arbeitgebern, die sich ohnehin schon auf einem historischen Tief befand.

Für Arbeitgeber bleibt es demnach in Sachen Mitarbeiterbindung weiterhin arg herausfordernd. Remote Arbeit als modernes und mitarbeiterbindendes Benefit konzipiertes Argument kommt jedoch in vielen Fällen als ein digitaler Bumerang retour.

Denn wie können Unternehmenswerte am einfachsten transportiert, erlebt und gelebt werden, wenn nicht im Kollegenkreise und der täglichen Atmosphäre am Arbeitsplatz?

Die Identifikation sinkt

Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bezug zur Unternehmenskultur und zu den Werten des Arbeitgebers fehlt, sinkt natürlicherweise die Identifikation und auch das Verkörpern des Unternehmens fällt schwerer.

Wie soll der Vertriebler / die Vertrieblerin dann dem Kunden gegenüber das Unternehmen darstellen? Geht das überhaupt? Das Menscheln im Unternehmen, die praktisch gelebte Unternehmenskultur wird von Mitarbeiter / Mitarbeiterin zu Mitarbeiter / Mitarbeiterin übertragen, wenn man im selben Büro sitzt, oder die Mittagspause gemeinsam verbringt.

Ob das im „Stand-Up“ am Montag via Zoom perfekt funktioniert, darf bezweifelt werden. Unsere Kandidatinnen und Kandidaten melden uns regelmäßig zurück, dass insbesondere die Einarbeitung digital nicht zweckdienlich und wünschenswert ist.

„Wie läuft‘s in der Workation?“

Auch wenn der Satz „Wie geht‘s?“ als leere Floskel abgetan werden kann – in Zeiten von Homeoffice würden wir diese Art leere Floskeln gerne wieder öfter persönlich hören. Unterminierter und situativer Smalltalk findet im Homeoffice nicht statt, was wenige als Produktivitätsgewinn interpretieren und die Mehrheit als zwischenmenschlichen Qualitätsverlust wertet.

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Auch die ursprünglich hochgeschätzte Work-Life-Balance wird durch die „neue Arbeitsnormalität“ schleichend ad absurdum geführt. Die Grenzen zwischen privat und beruflich verschwinden bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden beinahe gänzlich und gipfeln in den Benefit der „Workation“.

Während das Nudelwasser heiß wird, kann man ja mal schnell dem Kollegen auf seine Frage antworten oder das Angebot der Kundin fertig schreiben. Ein(e) moderne(r) und flexible(r) Arbeitnehmerin / Arbeitnehmer ohne Laptop am Pool scheint mittlerweile undenkbar und Kinderabholung ohne Telko im Auto bei An- und Abreise wirkt irgendwie altbacken. Das alles wird als Flexibilitätsgewinn bejubelt – aber ist es das auch oder doch eher eine Doppel- und Dreifachbeschallung auf allen Kanälen, die uns langfristig weitere Phänomene der Überlastung einbringen wird?

Flexibel Arbeitende vermissen Menschenkontakt

Aus einer Studie von Microsoft, in der etwa 30.000 Arbeitende aus 31 Ländern befragt wurden, geht hervor, dass zwar etwa 70 Prozent der Befragten das Homeoffice schätzen, aber dem gegenüber stehen 60 Prozent, denen der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen im täglichen Arbeiten fehlt.

Daraus lässt sich schließen, dass ein Mehr an Remote Arbeit nicht nur zufriedener macht. Sollte der persönliche Kontakt mit Kolleginnen / Kollegen und die Anwesenheit im Büro am Ende doch ein wichtiger Teil jeder Unternehmenskultur sein?

Satya Nadella, der CEO von Microsoft, spricht das Spannungsfeld Wohlbefinden und Flexibilität ebenfalls an: „Die Erwartungen der Mitarbeiter ändern sich und wir müssen Produktivität viel breiter definieren – einschließlich Zusammenarbeit, Lernen und Wohlbefinden – um die Karriere eines jeden Mitarbeiters voranzutreiben. All dies muss mit der Flexibilität einhergehen, wann, wo und wie die Menschen arbeiten wollen.“

Der geschilderte Konflikt zwischen digitalem Arbeiten und Wohlbefinden entwickelt sich zur Herausforderung für Arbeitgeber, da Modernisierungsvorhaben damit noch komplexer werden.

Gefragt sind auf jeden Fall Unternehmen, die sich mit Realitätssinn und vor dem Hintergrund eines klaren Wertekanons auf die Suche nach einem Masterplan machen, der den Arbeitnehmern die notwendige Flexibilität zusichert, aber sie gleichermaßen für das Unternehmen begeistert, nötige Loyalität erzeugt und den zwischenmenschlichen und persönlichen Kontakt fördert und hochhält.

Technologischen Trends blind folgen

Ein differenzierterer Blick auf die neue Arbeitsnormalität tut not, da momentan die Versuchung so groß wie nie scheint, technologischen Trends blind zu folgen. Die in der Mehrzahl der Fachmedien transportierte Devise scheint zu lauten: alles, was technologisch machbar ist, muss auch in rasantem Tempo vorangetrieben werden.

Es gibt aber auch die aktuell manchen unpopulär erscheinende Wahrheit, dass es Werte und kulturelle Errungenschaften gibt, die nicht flexibel sondern im Gegenteil eherne sind: Loyalität, Zwischenmenschliches und Persönlichkeitsrechte gehören sicher auch im beruflichen Kontext dazu.

Mein Fazit zur Transformation der Arbeitswelt lautet daher: Digital ist nicht immer nur toll und ein Zuviel an Flexibilität kann zu Halt- und Maßlosigkeit führen und macht damit ebenfalls unzufrieden.

Trends kritiklos nachzurennen und sie auf allen Ebenen noch zu beschleunigen unter Außerachtlassung der zahlreichen Nachteile ist sicher nicht modern sondern eher naiv.

Schließlich könnte in der Arbeitswelt und insbesondere bei HR-Trends gelten, was uns Tucholsky einmal ins Stammbuch schrieb: Wer zu allen Seiten offen ist, läuft manchmal simpel Gefahr, nicht ganz dicht zu sein.

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Thomas Hartenfels ist Senior Director bei Robert Walters. Seit Mai 2016 ist er Director des Düsseldorfer Büros. Inzwischen verantwortet er als Senior Director South ebenfalls das Frankfurter Büro. In dieser Funktion leitet und koordiniert er die Teams Accounting & Finance, Sales & Marketing, Interim Management sowie IT. Diese unterstützen Kundenunternehmen und Kandidaten im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands bei Stellenbesetzung und Karriereentwicklung.

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