Executive Search: „Markt erlebt deutlichen Auftrieb“

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Bestimmte Schlüsselpositionen sind sehr gefragt, sagt Martin Krill, Geschäftsführer Hager Unternehmensberatung im Interview. Wer sucht da wen?

Wenn bei unterschiedlichen Executive Search-Beratungen von starker Auslastung die Rede ist, dann ist das eine ausführliche Nachfrage wert. Denn auch führende Jobbörsen sprechen von einer erfreulichen geschäftlichen Entwicklung. Wer sucht da wen – und vor allem: wie? Denn so einige Unternehmen scheinen da eher ganz dezent aufzutreten. Und: Warum sind recht viele Menschen auf einmal wechselwillig?

Das HR JOURNAL hat nachgefragt und mit Martin Krill über den Markt gesprochen. Mitarbeiterbindung scheint bei so manchen Unternehmen nicht im Fokus gestanden zu haben. Sie könnten gute Kräfte verlieren. Andere haben in der Krise besonnen agiert – und damit diese Bindung verstärkt. Viele bemühen sich, Positionen mit Fokus auf IT, Digitalisierung und KI zu füllen. Die Pandemie hat in dieser Hinsicht als Beschleuniger gewirkt. Erfahren Sie hier mehr.

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Umfragen hatten vor einiger Zeit vorausgesagt, dass es nach dem Ende der Pandemie zu einer Jobwechsel-Welle kommen wird. Das Ende der Krankheit ist nicht in Sicht, die Welle schon. Wie nehmen Sie die Situation momentan wahr?

Martin Krill: Zu Beginn der Pandemie haben viele Beschäftigte an ihren Arbeitsplätzen festgehalten. Aber nachdem die erste Corona-Phase gezeigt hat, dass das Leben weitergeht und auch die Wirtschaft nicht stillsteht, sind viele Menschen (wieder) gewillt, ihren Job zu wechseln. Eine Welle würde ich das allerdings nicht nennen. Im Executive Search spüren wir, dass eine deutliche höhere Wechselbereitschaft besteht als noch vor einem Jahr.

Wer will denn wechseln, in welchen Funktionen und Branchen – und warum? Zeichnen sich da Muster ab?

Martin Krill: Aus der Perspektive des Executive Search sind es vielfach Führungskräfte des oberen und mittleren Managements, die sich neuen Herausforderungen stellen möchten. Wenn man von positiven Auswirkungen der Pandemie sprechen kann, dann sind das die technologischen Fortschritte. Viele Entwicklungen wurden durch die gegebene Situation beflügelt. Dies bringt neue Themen und auch – zu neudeutsch – Challenges für Executives. Und genau hier besteht der Reiz nach Neuem und einem Wechsel hin zu neuen Aufgaben.

Unter der Hand wird berichtet, dass viele Kräfte von ihren Arbeitgebern enttäuscht sind und sich deshalb etwas Neues suchen. Unter anderem, weil diese die Arbeit im Homeoffice aus Sicht der Angestellten unnötig blockieren. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Martin Krill: Hier haben wir sehr unterschiedliche Eindrücke gewonnen. Sicherlich gibt es einige, die von ihrem Arbeitgeber aus verschiedensten Gründen enttäuscht sind. Auf der anderen Seite zeigt sich aber auch, dass Unternehmen, die besonnen und bedacht durch die Krise navigieren, wiederum an Glaubwürdigkeit gewonnen haben und somit sogar die Bindung ihrer Mitarbeitenden erhöhen konnten.

Wie gestaltet sich das Angebot der Unternehmen für Wechselwillige? Wer sucht wen? Matchen sich da Angebot und Bedarf?

Martin Krill: Generell kann man sagen, dass ein gesteigerter Bedarf an Positionen mit Fokus auf IT, Digitalisierung und KI besteht. Und hier gibt es nicht die eine Branche, die händeringend Executives sucht. Es sind die Unternehmen, die die aktuellen Themen nicht als Trend einschätzen und abwarten, sondern in neue Technologien investieren und dies nicht nur in Form von Maschinen und Software. Vielmehr geht es darum, Schlüsselpositionen zu füllen, die den Wandel gewinnbringend gestalten und auch begleiten können.

Welche Branchen suchen denn besonders intensiv?

Martin Krill: IT, Technologie, Software und verschiedenste Industrien, bei denen die Digitalisierung eine große Rolle spielt. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen – branchenübergreifend – mittlerweile verstanden haben, dass die digitale ‚Zeitbombe tickt‘ und es gilt, ‚mit Sinn und Verstand Gas zu geben‘.

Die Suche nach Top-Kräften verläuft in der Regel hinter den Kulissen. Das soll jetzt auch bei Spezialisten / Experten zunehmend der Fall sein, wurde mir so vermittelt. Der Grund: Für so einige Unternehmen sieht die wirtschaftliche Lage nicht rosig aus. Sie entlassen Kräfte, bauen um. Manche sind überdies in Kurzarbeit. Trotzdem suchen sie, aber dezent. Was sind da Ihre Eindrücke?

Martin Krill: Diese These können wir bestätigen. Vielfach ändert sich einfach der Bedarf im Hinblick auf die Anforderungen an die Belegschaft. Hier spricht man auch gerne vom „Skill-Shift“. In vielen Unternehmen werden die traditionellen, im Kerngeschäft tätigen Mitarbeitenden weniger benötigt und Vakanzen in der IT oder für etwaige neue digitale Geschäftsmodelle erfordern zumeist neue Kompetenzfelder.

Wie wird sich denn der Markt in Ihrem Bereich in der nächsten Zeit entwickeln?

Martin Krill: Wir spüren, dass der Markt einen deutlichen Auftrieb erlebt. Im vergangenen Jahr hatten wir im Rahmen unserer regelmäßig durchgeführten Umfrage, dem Deutschen Rekrutierungs Index DRI®, ein verhaltenes bis positives Feedback über das Rekrutierungsverhalten der deutschen Unternehmen. Bei dieser Erhebung haben wir rund 3.000 Personen – Geschäftsführung, Vorstandsmitglieder und Personalverantwortliche – in deutschen Unternehmen befragt, wie sich die Pandemie auf das Rekrutierungsverhalten ausgewirkt hat. Bei fast der Hälfte der teilnehmenden Firmen hatte Corona keinen Einfluss auf den Personalbedarf genommen.

Aktuell spüren wir einen deutlichen Anstieg an Anfragen für Schlüsselrollen, so dass wir durchaus optimistisch in die Zukunft blicken.

Das Interview führte Helge Weinberg, Herausgeber des HR JOURNAL.

Martin Krill ist seit knapp zwanzig Jahren für die Hager Unternehmensberatung tätig und wurde 2004 zum Geschäftsführer berufen. Er besetzt gehobene Vertriebs- und Management-Positionen in der Technologiebranche sowie in weiteren ausgewählten Branchen.

Die Hager Unternehmensberatung beschäftigt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter an den deutschen Standorten. Aufgrund der Partnerschaft zu Horton International ist sie in mehr als 40 Niederlassungen in den global wichtigsten Wirtschaftsregionen vertreten.

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