Ethik und Nachhaltigkeit als Performance-Attributoren

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Eine nachhaltig orientierte Führungsethik spielt in den heutigen Umbruchzeiten eine herausragende Rolle, sagt Professor Patrick Peters, Allensbach Hochschule in Konstanz.

Ethische Aspekte in Unternehmensführung und Leadership gewinnen immer mehr an Relevanz in der modernen Wirtschaft. Das folgt dem allgemeinen Paradigmenwechsel vom Shareholder zum Stakeholder Value und der Purpose-Debatte.

Nicht allein, aber vor allem durch die Erfahrungen der Covid-19-Pandemie hat international ein Umdenken in der Mitarbeiterinnen-/Mitarbeiter- und Unternehmensführung stattgefunden. Covid-19 hat zu neuen Betrachtungsweisen und Bewertungsmustern hinsichtlich Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft geführt. Bestimmte Parameter haben an Bedeutung verloren, andere dafür erheblich gewonnen. An diesem Wendepunkt stellen sich insbesondere Fragen rund um Leadership-Prinzipien und die Strukturierung der Arbeitswelt der Zukunft.

Kann es ein „Weiter so!“ geben oder werden sich fundamentale Veränderungen einfinden, die mit traditionellen Kategorien kaum zu erfassen sind? Letzteres scheint der Fall zu sein. New Work und New Normal, Purpose und Ethical Leadership, alles in Verbindung zur großen Frage der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit, das sind die Schlagwörter in der breiteren Strategie- und Führungsdiskussion. Und gerade eine nachhaltig orientierte Führungsethik spielt in diesem Veränderungsprozess eine herausragende Rolle.

Ethik und Nachhaltigkeit bedingen den direkten ökonomischen Erfolg

Die offensive und zukunftsorientierte Beschäftigung mit wesentlichen „issues“ ist daher eine Hauptaufgabe für Organisationen aller Art. Diese wiederum muss sich in der werteorientierten Führung widerspiegeln, denn der Kern der um sich greifenden Change Management-Prozesse bezieht sich nicht auf rein mikroökonomische Ziele im Sinne der Ergebnisoptimierung und/oder der Effizienzsteigerung. Vielmehr besteht der Ansatz darin, Unternehmen im Zusammenspiel mit den vielgeforderten gesamtgesellschaftlichen Veränderungen zu positionieren und wahrnehmbar zu machen, wenn es vor allem um Nachhaltigkeitsthemen geht.

Daher hängen Ethik und Nachhaltigkeit in der Führung wirtschaftlicher Organisationen eng zusammen, da Nachhaltigkeit zum einen immer eine dezidiert ethische Implikation besitzt (und andersherum). Und zum anderen bedingen Ethik und Nachhaltigkeit den direkten ökonomischen Erfolg. Die Kategorien gelten (mittlerweile) als visible Performance-Attributoren und sollten daher in jeder Unternehmensstrategie eine Rolle spielen. Arbeitsplatz- und Kaufentscheidungen, die Bereitschaft zu börslichen und außerbörslichen Beteiligungen, die allgemeine Positionierung am Markt: Alles hängt mehr und mehr mit der Aufstellung hinsichtlich der Ethik und Nachhaltigkeit zusammen.

Purpose-Orientierung stiftet einen übergeordneten Sinn

Diese Wahrnehmungsveränderung geht einher mit dem Paradigmenwechsel der Wirtschaft: von Shareholder zum Stakeholder Value. Während das Shareholder Value den Wert eines Unternehmens aus der Sicht der Eigentümer ermittelt und de facto ausschließlich deren Interessen im Sinne von Wertsteigerungen und Renditen bedient, bedient das Stakeholder Value eben nicht nur die Interessen der Shareholder, sondern aller Anspruchsgruppen, die das Unternehmen dringend als Unterstützung für ihr Geschäft benötigt.

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Das hängt eng mit der Purpose-Debatte zusammen. Der Purpose-Begriff steht für den höheren Zweck einer Organisation (in der Regel ein Unternehmen), der im Sinne der wertorientierten Unternehmensführung deutlich über die Gewinnorientierung hinausgeht. Die Purpose-Orientierung stiftet einen übergeordneten Sinn, der nicht durch beiläufige Handlungen zu erreichen ist. Das Gute als Zweck des Lebens ist menschliche Handlungsmaxime und identitätsstiftende Kategorie. Dieses identifikatorische Potenzial hat auch das Purpose im unternehmerischen Kontext.

Weg von der profitorientierten Shareholder Economy

Ein Beispiel aus der Praxis: Für die Studie „Nachhaltigkeit lohnt sich – Gesellschaft und Unternehmen im Wandel“ hat die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die ökologischen und sozialen Dimensionen nachhaltigen Handelns in Unternehmen untersucht (2018). Ein Ergebnis: „Eine nachhaltige Ausrichtung kann für Unternehmen auf vielerlei Weise vorteilhaft sein: Dabei geht es um mehr Effizienz, die Steigerung des Unternehmensimages, Mitarbeiterzufriedenheit und auch um größere Chancen bei der Rekrutierung junger Mitarbeiter. Die Studie der LBBW zeigt zudem auf, dass sich Nachhaltigkeit auch bei den klassischen wirtschaftlichen Kennzahlen positiv bemerkbar macht: Nachhaltig agierende Unternehmen der Konsum- und Handelsbranche steigern ihre EBIT-Marge. Sie ist im Durchschnitt 6 Prozentpunkte höher als bei den weniger nachhaltig operierenden Wettbewerbern.“

Aus der profitorientierten Shareholder Economy soll sich also eine aufs Allgemeinwohl bedachte Sustainable Economy entwickeln, in der die Unternehmen einen wahrnehmbaren Platz als aktive Beteiligte einnehmen sollen: Kauf- und Arbeitsplatzentscheidungen werden mehr und mehr von Nachhaltigkeitspraktiken abhängig gemacht, und Unternehmen werden bereits behördlich – auf Betreiben von Aktivisten – zu nachhaltigem Handeln angehalten. Shell, der größte Ölkonzern Europas, beispielsweise muss nach einem Urteil eines niederländischen Gerichts seine CO2-Emissionen bis 2030 um netto 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2019 reduzieren.

Identifikation und Motivation, Flexibilität und Unabhängigkeit

Nachhaltige Führungsethik muss in Unternehmen implementiert und gelebt werden, um Relevanz als strategisches Organisationsprinzip zu erhalten. Die unternehmerische Ausrichtung auf Ethik und Nachhaltigkeit ist nicht möglich, wenn dies nicht über eine konsequente Leadership-Orientierung verankert und laufend umgesetzt und kontrolliert wird.

Arbeit bedeutet mehr und mehr Identifikation und Motivation, Flexibilität und Unabhängigkeit, die Werteverschiebung von Geld zu Sinnstiftung und die Suche nach Möglichkeit, die Welt besser zu machen und negative Auswirkungen bisherigen Tuns abzumildern. Die Förderung allgemeiner Interessen hat das Streben nach Gewinnmaximierung abgelöst, sodass Ethik und Nachhaltigkeit im Sinne der Purpose-Orientierung als positive, identitätsstiftende Merkmale einer Organisation angesehen werden, die sich diesem Transformationsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft unterwirft und versteht, was den Bezugsgruppen wirklich wichtig ist.

Die auf dem Verständnis des wirklichen Purpose aufgebaute Führungsethik muss schließlich sicherstellen, dass diese Ziele definierbar, kommunizierbar und umsetzbar sind. So gewinnen Organisationen Authentizität und Wirkung in einem stark disruptiven, transformatorischen Umfeld, das von weitreichenden Herausforderungen geprägt ist.

Dr. Patrick Peters ist Professor für PR, Kommunikation und digitale Medien an der Allensbach Hochschule in Konstanz, Lehrbeauftragter für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Hochschule Niederrhein und befasst sich als Unternehmensberater, Publizist und Wissenschaftler ausgiebig mit Ethik und guter Kommunikation nach innen und außen.

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