„Corona-Kater“: Was HR und Mitarbeiter dagegen tun können

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Wie Unternehmen ihrer Belegschaft helfen können, den Corona-Kater zu überwinden und neue Kräfte zu sammeln, erklären Sven Sebastian und Dirk Jehmlich.

Die Pandemie hat Spuren in uns hinterlassen. Sie war für alle im Unternehmen eine hohe emotionale Belastung. Diese macht sich jetzt bemerkbar. Gerade jetzt würden die Unternehmen fitte, motivierte Kräfte brauchen. Diese wiederum würden eine Auszeit begrüßen. Was können Geschäftsführung, Führungskräfte und HR tun, um ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Verarbeitung der Belastungen zu helfen und Produktivität und Innovationskraft zu fördern? Antworten geben Sven Sebastian, Geschäftsführer am Institut für angewandte Hirnforschung und Neurowissenschaften (IAH), und Dirk Jehmlich, Geschäftsführer bei der Strategieagentur „Diffferent“, im Gespräch mit dem HR JOURNAL.

Wie äußert sich der „Corona-Kater“ bei den Menschen?

Dr. Sven Sebastian: Die Corona-Krise geht für die Menschen mit einer hohen emotionalen Belastung einher. Während der Kopf in der ersten Phase der Pandemie auf Durchhalten gestellt hat, merken wir jetzt, wie anstrengend die Situation war – und immer noch ist. Was die Menschen jetzt spüren, fühlt sich an wie ein Kater. Die Folgen der Pandemie äußern sich unter anderem in Form einer permanenten Übererregtheit, Konzentrationsschwäche oder steigender Aggressionsbereitschaft. Die kognitive Flexibilität leidet genauso wie die emotionale Stabilität des Einzelnen.

Wie wirkt sich das auf die Produktivität und Innovationsfähigkeit von Unternehmen aus?

Dirk Jehmlich: Unternehmen brauchen gerade jetzt kreative, fitte Mitarbeitende mit viel Energie, um die Verluste des letzten Halbjahres zu kompensieren. Was sie aber haben, sind ausgelaugte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die häufig nicht ihr volles Potenzial abrufen können. Viele Unternehmen werden die Chancen der „nach Corona-Welt“ nicht optimal nutzen können.

Dr. Sven Sebastian: So lange es weiterhin berufliche, wirtschaftliche und private Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten gibt, wird der wissenschaftlich gut belegte „Threat-Rigidity-Effekt“ verhindern, dass Innovatives mit hohem Elan entwickelt und ausprobiert wird. Im Gegenteil, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden sich aus einem Gefühl der Bedrohung heraus auf Altbewährtes und Gewohntes stützen, statt neue Informationen zu suchen.

Was können Unternehmen tun, um ihren Mitarbeitern bei der Verarbeitung der Belastungen zu helfen und die Produktivität und Innovationskraft zu fördern?

Dirk Jehmlich: Im Grunde müssten Unternehmen ihre Belegschaft in die Auszeit schicken, um sich zu regenerieren und ihre Kräfte zu mobilisieren. Das ist auf Grund wirtschaftlicher Notwendigkeiten aber nicht möglich. Im Moment ist es daher wichtig, Verständnis für die angespannte Psyche der Mitarbeitenden zu haben. Emotional hilft es, Anlässe für Kommunikation zu schaffen, Empathie für den Einzelfall zu zeigen und Arbeitsplatzsicherheit zu demonstrieren. Praktisch kann man Mitarbeitende entlasten, indem man ihnen vorrangig die Aufgabenfelder zuweist, in denen sie besonders gut und besonders routiniert sind.

Wer spielt dabei welche Rolle im Unternehmen?

– Geschäftsführung

Dirk Jehmlich: Die Geschäftsführung steht in den kommenden Monaten mehr denn je in der Verantwortung, das große Ganze im Blick zu haben, Aufgaben zu priorisieren und realistische Arbeitspakete für die einzelnen Abteilungen zu schnüren. Dabei hilft etwa die Einführung von alternativen Zielsystemen wie OKRs (Objectives and Key Results), mit deren Hilfe die wichtigsten Ziele für einen Zeitraum von 100 Tagen festgelegt werden. Diese Priorisierung schafft klare Leitlinien und Sicherheit, reduziert Komplexität und ist relativ schnell an neue Gegebenheiten anpassbar.

– Führungskräfte

Dr. Sven Sebastian: Führungskräfte sind gefordert, empathisch auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Ihre Aufgabe ist es, Halt zu geben und Angst zu nehmen. Dazu tragen eine offene Kommunikation, aber auch gemeinsame Aktivitäten bei. Letztere dienen der Führungsebene als Forum, um Problembewusstsein und Verständnis für die Situation der Mitarbeitenden zu zeigen.

– Personalabteilung/HR

Dirk Jehmlich: HR steht momentan vielfach vor dem Spagat, Personalkosten möglichst gering zu halten, ohne die bestehende Belegschaft zu überlasten. Entlastung können hier bei kurzzeitigen Spitzen externe Dienstleister schaffen. Auch mittelfristig wird der Aufbau eines Expertennetzwerks dazu beitragen, mit spezialisiertem Wissen die Potenziale der Zeit schnell für sich zu nutzen. In puncto emotionaler Entlastung kann es sinnvoll sein, Profis aus den Bereichen betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Coaching hinzuzuziehen.

Was können die Mitarbeiter selber tun, um die Erfahrungen zu verarbeiten und im „neuen Normal“ anzukommen?

Dr. Sven Sebastian: Unsere Erwartungen an die Zukunft speisen sich aus unseren Erfahrungen. Daher ist es für uns alle essenziell, persönliche Erlebnisse bewusst wahrzunehmen und bestenfalls mit Vertrauten zu reflektieren. Gerade in unsteten Zeiten brauchen wir Menschen einen inneren Anker, eine verlässliche Empfindung der Sicherheit in uns selbst. Am einfachsten geht das mit einem Krisentagebuch, in dem Erfahrungen sowie Gedanken, Ängste, Gefühle, Hoffnungen und Zweifel schriftlich fixiert werden.

Wie könnten sich Unternehmen und Mitarbeiter aufgrund der jetzt gemachten Erfahrungen mit Corona auf eine potenzielle “zweite Welle” der Krankheit vorbereiten?

Dr. Sven Sebastian: Auf der Individualebene helfen Mini-Interventions-Techniken – etwa zur bewussten Emotionsregulierung – dabei, Stress bei der Arbeit zu reduzieren. Es geht kein Weg an mehr Transparenz vor den Mitarbeitenden vorbei. Für Unternehmen, die bislang durch Druck, Angst und Intransparenz geführt haben, ist das kaum zu schaffen.

Dirk Jehmlich: Insgesamt muss man sich als Unternehmer fragen, ob man während der zweiten Welle in den Winterschlaf verfällt, alle nicht überlebenswichtigen Funktionen runterfährt und auf eine starke Lobby hofft, die ein Stück des Kuchens sichert. Oder, ob man als kleiner Player die eigene Wendigkeit einsetzt, um die Krise der Großen zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Dr. Sven Sebastian ist Naturwissenschaftler, Erwachsenenpädagoge, Berater und Trainer. 2012 gründete er das Institut für angewandte Hirnforschung und Neurowissenschaften (IAH).

Dirk Jehmlich ist Geschäftsführer bei der Strategieagentur „Diffferent“. Seine Beratungsschwerpunkte sind das Innovationskultur und Innovationsmanagement um kundenrelevante wie gesellschaftlich wünschenswerte Angebote hervorzubringen. Zudem beschäftigt sich Dirk Jehmlich mit unternehmerischer Resilienz und Wachstumsstrategien.

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