Bei Fachkräften droht eine Fluktuationswelle

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Selbstbewusst und wechselbereit: Bei Fachkräften könnte nach Corona eine zusätzliche Jobwechsel-Welle drohen, sagt Mark Hoffmann, Geschäftsführer meinestadt.de. Was können Unternehmen tun?

Das Selbstbewusstsein von Fachkräften steigt

Schon aus früheren Studien von meinestadt.de wissen wir: Fachkräfte mit Berufsausbildung werden sich ihres Wertes auf dem Arbeitsmarkt immer bewusster. Die jahrelange öffentliche Diskussion um den Fachkräftemangel stärkt ihr Selbstbewusstsein zusätzlich. Längst suchen sich Fachkräfte ihre Arbeitgeber aus, nicht umgekehrt. Unserer aktuellen Studie „Wechseln oder bleiben?“ zufolge sind branchenübergreifend 57,2 Prozent der Fachkräfte überzeugt, sich aufgrund der eigenen Qualifikation und Erfahrung den Job aussuchen zu können. Besonders selbstbewusst sind die jungen Fachkräfte zwischen 18 und 24 Jahren: hier liegt der Anteil bei 68,1 Prozent.

Auch in einzelnen Branchen wie der Pflege ist das Selbstbewusstsein überdurchschnittlich ausgeprägt: 89,4 Prozent sind hier überzeugt davon, sich den Job aussuchen zu können. Unternehmen sollten mit selbstbewussten Kandidatinnen und Kandidaten rechnen, die sie von sich als Arbeitgeber überzeugen müssen. Für die Untersuchung hat das Marktforschungsinstitut respondi im Auftrag von meinestadt.de 2.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung befragt.

Geringe Arbeitgeberbindung – hohe Wechselbereitschaft

Die Kombination aus geringer Bindung an den Arbeitgeber und guten Möglichkeiten zum Jobwechsel könnte nach Corona zu einer Fluktuationswelle führen, für die Unternehmen gewappnet sein sollten. Ihrem aktuellen Arbeitgeber „sehr verbunden“ fühlen sich unserer Studie zufolge nur 29,1 Prozent der Fachkräfte. Deutlich niedriger ist der Anteil bei den jüngeren zwischen 18 und 24 Jahren (22,2 Prozent), in größeren Betrieben zwischen 500 und 1000 Mitarbeitenden (24,1 Prozent) sowie in der Pflege (20,3 Prozent).

Fachkräfte sind zudem geübt beim Thema Jobwechsel. Die Zeiten sind vorbei, in sie von der Lehre bis zur Rente beim gleichen Unternehmen bleiben. Nur noch ein Drittel der Fachkräfte favorisiert diesen Weg. 48,9 Prozent von ihnen haben im Laufe ihres Berufslebens den Arbeitgeber schon mehr als dreimal gewechselt, unter den 18- bis 24-Jährigen hat knapp die Hälfte schon mindestens einmal den Arbeitgeber ausgetauscht. Selbst in den letzten zwölf Monaten – unter den schwierigen Umständen der Pandemie – wagte jede zehnte Fachkraft den Sprung.

Quereinstieg und latent Suchende

Die Bereitschaft zum Quereinstieg scheint unter Fachkräften sehr ausgeprägt. Vier von zehn haben schon einmal einen Quereinstieg gewagt. Selbst über die Hälfte all derer, die bisher noch keinen Quereinstieg vollzogen haben, können sich einen Wechsel in einen anderen Beruf vorstellen, für den sie ursprünglich keine Ausbildung absolviert haben. Wie Akademikerinnen / Akademiker halten auch Fachkräfte mittlerweile die Augen am Arbeitsmarkt offen, selbst wenn sie sich nicht aktiv bewerben. 5,1 Prozent sind aktuell aktiv auf Jobsuche, 47,0 Prozent zählen sich zu den latent Suchenden: Sie schauen nicht aktiv, wären aber wechselbereit, falls sie ein attraktives Jobangebot erreichen. Wer latent Suchende auf seine Jobangebote aufmerksam machen will, sollte in der Werbung – ihren eigenen Angaben zufolge – Informationen über den Arbeitsort und die Arbeitsinhalte, Arbeitgeberleistungen sowie Angaben zu den benötigten Qualifikationen in den Mittelpunkt stellen.

Die wichtigsten Bindungsfaktoren

Warum bleiben Fachkräfte bei ihren Arbeitgebern? Für die Bindung kristallisieren sich drei Faktoren heraus: Das Vorgesetztenverhalten (71,3 Prozent), die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (71,3 Prozent) sowie das Gehalt (66,9 Prozent). Insbesondere beim Vorgesetztenverhalten und der Bezahlung klafft eine große Lücke zwischen der hohen Bedeutung für die Bindung und der Zufriedenheit mit diesen Aspekten beim aktuellen Arbeitgeber.

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Mit dem Benehmen des Chefs sind nur 36,7 Prozent der Fachkräfte in der Praxis „sehr zufrieden“, mit ihrem aktuellen Gehalt lediglich 19,9 Prozent. Übrigens: Weit abgeschlagen als Faktor für die Bindung ist die Option auf Karriere. Das ist wichtig zu wissen, denn allzu oft wird dieses – überwiegend für akademische Zielgruppen relevante – Argument auch bei Fachkräften verwendet, die damit aber wenig anfangen können: Nur 24,6 Prozent der Fachkräfte finden die Aussicht auf eine Karriere als Bindungsfaktor „sehr wichtig“.

Wettbewerb der Zukunft um Fachkräfte-Talente: drei Tipps

1. Fachkräfte gezielt überzeugen.

Fachkräfte werden im Recruiting immer noch mit den falschen Argumenten und in der falschen Sprache angesprochen. Noch zu viel wird in Stellenanzeigen für Fachkräfte wie auf Arbeitgeberseiten im Internet über „Karriere“ gesprochen und noch zu wenig über Jobsicherheit und andere Fachkräfte-relevante Themen. Anstatt sie mit ihren Leistungen zu überzeugen, beglücken Arbeitgeber die händeringend gesuchten Fachkräfte mit ellenlangen Anforderungslisten.

2. Quereinsteiger gewinnen und latent Suchende ansprechen.

Ein Großteil der Fachkräfte ist bereit zum Quereinstieg. Der Weg aus der Gastronomie an die Frischetheke eines Supermarkts ist zum Beispiel nicht weit. Eine weitere, noch weitgehend unerschlossene Zielgruppe, die für Arbeitgeber im Recruiting interessant sein könnte, sind die latent Suchenden. Hier könnten Arbeitgeber Jobangebote in Rubriken außerhalb der klassischen Stellenmärkte schalten, um aufzufallen.

3. Bindung von Fachkräften stärken.

Denn Recruiting und Bindung gehen Hand in Hand. Arbeitgeber mit massivem Bedarf an Fachkräften sollten ihre Gehaltsangebote auf deren Marktkompatibilität überprüfen sowie in die Themen Führung und Work-Life-Balance investieren. Sonst verschärft die mangelhafte Bindung bei der nächsten Fluktuationswelle die ohnehin schon schwierige Situation im Recruiting.

Mark Hoffmann, erfahrener Gründer und Digitalexperte, ist seit Januar 2018 Geschäftsführer von meinestadt.de. Bei dem Regionalportal finden Nutzerinnen und Nutzer alle lokalen Infos und Angebote rund um Jobs, Immobilien, Auto und Freizeit gebündelt für jeden Ort in Deutschland. Zuvor gründete Hoffmann 2010 als CEO den Digitalverlag Vertical Media mit dem Online Magazin Gruenderszene.de. Zu den weiteren Stationen gehören Fyber, GIGA Digital und die ESL, bei der er als TV Moderator und Redaktionsleiter aktiv war.

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