Ab in den Wald: Auf Lernreise mit der Earth University

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Warum Patagonia Weiterbildungen nach draußen verlegt, verrät Evelyn Doyle, Head of People and Culture des Unternehmens. Sie erläutert, was es mit der Earth University auf sich hat, eine Lernreise der Mitarbeitenden in die „Waldschule für Erwachsene“.

“Warum gibt es das Unternehmen Patagonia?“ und „Was können unsere Mitarbeitenden tun, um den Unternehmenszweck zu unterstützen?”. Diese zwei Fragen begleiten mich in meiner über 20-jährigen Karriere als Human-Resource-Expertin immer wieder. Die erste Frage ist relativ einfach zu beantworten: Wir bei Patagonia sind im Geschäft, um unseren Heimatplaneten zu retten. Ein ehrgeiziges Ziel, ich weiß. Doch für jemanden wie mich, die die Natur und das Leben im Freien liebt und die Ergebnisse jedes neuen Weltklima-Berichts zum Zustand der Klimakrise mit Besorgnis verfolgt, ist es ein unglaublicher Motivator.

Die zweite Frage ist schwieriger zu beantworten. Wie in jeder anderen Organisation auch, sehen und erleben Mitarbeitende die Welt unterschiedlich. Dadurch macht die Arbeit Spaß – zusätzlich hält es uns alle kreativ. Es kostet aber auch Mühe, die individuellen Leidenschaften und Ziele mit der Vision eines Unternehmens in Einklang zu bringen. Meiner Meinung nach kommt es darauf an, dass die Mitarbeitenden den Sinn des Unternehmens nicht nur verstehen, sondern ihn auch wirklich verinnerlichen – und dass sie dann die Mittel haben, diesen Sinn auf ihre eigene Art und Weise zu verwirklichen.

Das war der Gedanke hinter unserer „Earth University“, einer praxisorientierten Lernreise, die auf vier Modulen basiert – Wachstum, Komplexität, Teamarbeit und Revolution – und die wir in einem wunderschönen Waldgebiet in der Nähe von Amsterdam regelmäßig abhalten. Sie wurde vor der Pandemie gegründet, und während wir uns nun auf den Weg in die neue Normalität machen, lernen wir immer noch ständig dazu. Hier sind aber schon einmal einige der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus unseren ersten Bemühungen gewonnen habe, unsere Mitarbeitenden mit unserem Ziel zu verbinden – und zwar auf eine Art und Weise, die sich radikal anders anfühlt als das übliche Lernen und Weiterbilden.

Offen sein für Ergebnisse

Die meisten Lern- und Entwicklungsprogramme zielen auf konkrete Ergebnisse und Endpunkte ab. Die Fragen, mit denen die Mitarbeitenden an die Programme herangehen, lauten: „Was können wir aus diesem Prozess herausholen?“ und „Was sind die KPIs?“. Ich wusste, dass das für uns nicht funktionieren würde. Ich wollte, dass die gesamte Lernerfahrung von einer Grundstimmung der offenen Nachfrage und Neugierde geleitet wird.

Anstatt also mit der Überlegung in die Übung zu gehen, was dabei herauskommen könnte, haben wir sie auf den Kopf gestellt und mit den Fragen begonnen, die uns wirklich interessierten. Glücklicherweise ist Experimentieren bereits ein großer Teil des Patagonia-Rezepts. So hatte mein Chef kein Problem damit, dass wir uns auf ein einjähriges modulares Programm einließen, ohne je KPIs zu definieren.

Authentisch und einzigartig die Dinge umsetzen

Unser Ziel war es von Anfang an, das bestmögliche Programm für uns zu entwickeln. Ich behaupte nicht, dass die Earth University für alle geeignet ist. Wir veranstalten das Programm unter freiem Himmel. Wir führen Workshops durch, die von engagierten Aktivistinnen / Aktivisten sowie Umweltschützerinnen / Umweltschützern geleitet werden. Wir spielen Spiele. Wir diskutieren Themen wie „Wie können wir Teil einer Revolution sein?“ und „Ist Wachstum alles?“. Also, nein, es ist definitiv nicht für alle etwas. Aber nach vielen internen Beratungen und Überlegungen darüber, was am meisten zu unserem spezifischen Ziel beitragen würde, haben wir uns dafür entschieden. Und das Ergebnis? Es fühlt sich für uns einfach richtig an, was bei einem so persönlichen und intimen Thema wie der Zielsetzung absolut entscheidend ist.

Die Lernumgebung ist Teil des Lernens

Die Earth University findet buchstäblich in der Umgebung statt, die wir bewahren wollen. Wir verstecken uns hinter Bäumen, tauschen Erfahrungen bei einem Lagerfeuer aus, nehmen uns Momente der Stille und Ruhe, umgeben von der Schönheit unseres Heimatplaneten. Stellen Sie sich vor, Sie lernen zum Beispiel etwas über Teamarbeit, und wenn Sie sich dann umschauen und überall Bäume sehen und sich deren Wurzeln vorstellen, die sie alle miteinander verbinden – dann kommt die Gesamtbotschaft einfach anders an, oder? Wir nennen die Earth University unsere „Waldschule für Erwachsene“. Diesen Ausdruck habe ich von Andres Roberts übernommen, der das Bio-Leadership Project gegründet hat, um Führung durch die Arbeit mit der Natur zu verändern, und der uns bei der Konzeption des Programms maßgeblich geholfen hat.

Tatsächlich ist der Kursinhalt selbst vom Wald inspiriert. Es geht nicht darum, einen linearen Prozess zu schaffen, bei dem man an Punkt A beginnt und dann zu B und C geht. Wir wollten einen Rahmen schaffen, in dem die Teilnehmenden Fragen stellen können und frei erleben können, wohin die Antworten uns führen. Die Idee ist, das Lernen so fließend und organisch wie möglich zu gestalten – ähnlich wie im Wald.

Die Gesamtheit des menschlichen Selbst

Ein großer Teil der Magie der Earth University besteht darin, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie ihr natürliches Selbst in die Lernerfahrung einbringen können. Wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir Momente schaffen können, die uns helfen, uns in diesem tieferen, ganzheitlicheren Sinne zu verbinden. Ein Teil dieses Prozesses besteht darin, eine Vielzahl verschiedener Stimmen einzubringen. Also nicht nur professionelle Dozierende und unsere eigenen Führungskräfte (obwohl wir auch sie einsetzen), sondern auch Künstlerinnen / Künstler, Sängerinnen / Sänger, Sportlerinnen / Sportler, Kreative, Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft und andere.

Sie alle haben gemeinsam, dass sie sich mit den Themen beschäftigen, die auch im Mittelpunkt unserer Zielsetzung stehen. Jedoch auf eine Art und Weise, mit der wir in der Geschäftswelt vielleicht nicht sehr vertraut sind – oder uns nicht wohl fühlen. Wir hatten auch schon stillende Mütter, die ihre Babys zum Kurs mitbrachten, damit sie von anderen betreut werden konnten, während sie lernten. Was wirklich geholfen hat, war die Aufforderung an die Teilnehmenden, ihre Berufsbezeichnungen an der Tür abzulegen. Das bedeutet, dass wir uns alle gemeinsam als Menschen begegnen konnten – nicht als Individuen, die durch Titel definiert werden.

Earth University: Das Lernen verbreiten

Unser Ziel ist es, dass jede/r in unserem Unternehmen mindestens ein Modul der Earth University besucht. Aber wir sind dabei auch etwas ungeduldig; wir wollen das Gelernte so schnell und so breit wie möglich anwenden. Die Lösung, auf die wir uns geeinigt haben, ist eine Rolle, die wir „Lernbotschafterin / Lernbotschafter“ nennen und die sich aus Kolleginnen und Kollegen zusammensetzt, die bereits teilgenommen haben.

Ich stelle mir vor, dass sie wie Bäume im Wald agieren, d. h. jede/r Botschafterin / Botschafter trägt dazu bei, Wissen weiterzugeben und anderen dabei zu helfen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wir haben es so arrangiert, dass es in jedem Modul zwei oder drei dieser Botschafterinnen / Botschafter gibt, die dann die Aufgabe haben, Inhalte und Geschichten zu teilen, die das Gespräch über unseren Zweck am Laufen halten und weiterentwickeln.

Bei Patagonia befinden wir uns noch in den Anfängen all dieser Dinge. Aber eine Sache, von der ich nach der Entwicklung der Earth University völlig überzeugt bin, ist, dass die Zielsetzung anders angegangen werden muss als bei herkömmlichen Lernprogrammen. Andere Unternehmen werden und sollten andere Ansätze wählen als wir. Je phantasievoller, inspirierender und authentischer der Ansatz sein kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass er ankommt – und desto mehr Erfolg wird er haben, wenn es darum geht, Ihrer Organisation zu helfen, das zu tun, wofür sie gegründet wurde.

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Evelyn Doyle ist Head of People and Culture, International, bei Patagonia mit Sitz in Amsterdam. Evelyn hat eine Leidenschaft für die positive Veränderung von Arbeitsumgebungen und Geschäftsmodellen sowie der Förderung von Mitarbeitenden, damit sie ihre individuelle Stimme entwickeln können, und der Gestaltung der Kultur durch regenerative Ansätze. Bei Patagonia ist sie verantwortlich für den Aufbau einer internationalen Mitarbeitenden-Gemeinschaft in EMEA, APAC und LATAM, die das Ziel der Marke verkörpert: Wir sind im Geschäft, um unseren Heimatplaneten zu retten. Foto: ©Patagonia

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