Atlassian: Bleibt so lange im Homeoffice, wie Ihr wollt

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„Open Company, no B$%&S%$t“: Wie lebt ein Unternehmen diesen Wert in Corona-Zeiten? Ein Gespräch mit Dominic Price, Work Futurist bei Atlassian.

„TEAM Anywhere“: Der Konzern Atlassian bietet seinen Mitarbeitern an, auch nach dem Ende der Pandemie unbegrenzt im Homeoffice zu bleiben. Diese Nachricht ging im Sommer durch die englischsprachige Presse. Das Unternehmen ist einer der führenden Anbieter von Entwicklertools für agiles Projektmanagement und hierzulande unter anderen bekannt durch Anwendungen wie Jira, Confluence und Trello. Atlassian will dabei seine Offices nicht verkleinern. Im Gegenteil: Momentan ist ein neuer Hauptsitz in Sydney in Planung, für 4.000 Mitarbeiter. Das HR JOURNAL hat mit Dominic Price, Work Futurist bei Atlassian, gesprochen.

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Homeoffice und Remote Work den Mitarbeitern sowohl Vorteile als auch deutliche Nachteile gebracht haben. Wie erreicht Atlassian, dass die remote Teams gesund, motiviert und produktiv bleiben?

Dominic Price: Wir bei Atlassian leben schon seit einer ganzen Weile Remote Work. Aber auch wir mussten uns einigen Herausforderungen stellen, als wir alle anfingen, komplett von zu Hause aus zu arbeiten. Atlassian liegt das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter sehr am Herzen und uns war wichtig, dass einzelne Probleme ernstgenommen und gelöst werden. Einer der Wege, wie wir mit unseren Mitarbeitern während der Pandemie in Verbindung blieben und es noch sind, sind anonyme Pulse Surveys: Einmal pro Woche fragen wir unsere Mitarbeiter, wie sie sich fühlen und welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen.

So zeigten unsere Umfragen beispielsweise recht zu Beginn der Pandemie, dass sich Mitarbeiter unproduktiv fühlten, weil sie Zuhause nicht über die gewohnten physischen Einrichtungen verfügten. Aus diesem Grund haben wir ihnen einen Zuschuss in Höhe von 500 Dollar für die Einrichtung ihres Heimarbeitsplatzes gewährt, damit sie für längere Zeit gut ausgerüstet von zu Hause aus arbeiten können.

Als die Pandemie schon ein wenig fortgeschritten war, berichteten uns einige Mitarbeiter, dass sie sich isoliert und von ihren Teams abgekapselt fühlen. Viele hatten mit der Belastung der aktuellen Situation zu kämpfen. Daher haben wir verschiedene Gegenmaßnahmen entworfen: Ich selbst nutze beispielsweise gerne die ersten fünf Minuten eines Videocalls, um einfach kurz über private Dinge zu sprechen. Das hilft unseren Teams, auf einer persönlichen Ebene zusammenzuwachsen und zeigt unseren Mitarbeitern, dass wir uns um sie als Menschen kümmern und sie nicht nur als unsere Arbeiter sehen. Zusätzlich organisieren wir auch wöchentliche oder monatliche virtuelle Meetings, „Sparring“ Sessions, bei denen unsere Mitarbeiter aufgefordert werden, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und gemeinsam neue Ansätze oder Projekte zu entwickeln. So können wir alle motiviert, energiegeladen und mit neuen Ideen an die Arbeit gehen.

In einem Beitrag im Guardian schreibt die Autorin: „As humans, we need to be together. Collaboration does not happen very easily over Zoom.“ Es hat sich auch gezeigt, dass Remote Worker mehr Angst um den Job haben als Präsenzarbeiter. Wie nimmt Atlassian den Mitarbeitern diese Ängste, schafft menschliche Nähe und ein Gemeinschaftsgefühl?

Dominic Price: Diese Frage lässt sich mit dem Beispiel von Trello verdeutlichen. Trello gehört seit 2017 zu Atlassian, bereits zu der Zeit arbeiteten die Teams von Trello zu 80 Prozent in geographisch verteilten Teams. So lernten wir deren Arbeitsmethoden kennen und konnten diese auch in unsere Arbeitskultur einfließen lassen. Noch vor der aktuellen COVID-19 Pandemie war tatsächlich eines unserer beliebtesten Büros das Homeoffice.

Es ist vollkommen richtig, dass gemeinsames Arbeiten in verteilten Teams eine Herausforderung mit sich bringt. Kollaboration bedeutet auch gleichzeitig Inklusivität – bei einer Belegschaft, die sich aus Präsenz- und Homeoffice-Mitarbeitern zusammensetzt, spielt Inklusion eine große Rolle. Wenn beispielsweise drei Kollegen vom Meeting-Raum im Büro an einer Besprechung teilnehmen und nur eine Person sich von Zuhause aus einwählt, dann ist sofort klar, wer sich bei diesem Meeting zurückhalten wird. Um eine solche Situation zu vermeiden, ist es bei Atlassian so, dass sich alle Mitarbeiter von ihrem eigenen Gerät aus in das Online-Meeting einwählen müssen, sobald auch nur ein Kollege von Zuhause aus teilnimmt. Auf diese Weise haben alle dasselbe Erlebnis und begegnen sich somit auf Augenhöhe. Denn Kreativität kann sich am besten entfalten, wenn für alle die gleichen Bedingungen herrschen.

In einem Pressebericht sagt Atlassian-CEO Scott Farquhar: „For years, we’ve been … iterating on practices that are essential for building diverse distributed teams“. Was kennzeichnet diese Praktiken?

Dominic Price: Bei Atlassian haben wir das Glück, dass Remote Work seit unserer Gründung bereits Teil unserer Unternehmenskultur ist und schon immer war. Wir praktizieren eine offene Arbeitsweise durch das gesamte Unternehmen. Das äußert sich beispielsweise darin, dass die Standardeinstellung unserer internen Dokumente vorsieht, jedem Mitarbeiter Zugriff zu gewähren. Seit Beginn von Covid-19 haben wir uns darauf konzentriert, bessere Praktiken für asynchrones Arbeiten zu entwickeln: Es gibt nun häufiger Videoaufzeichnungen von Besprechungen, damit unsere Mitarbeiter sie anschauen können, wann es ihnen passt, statt zu einer vorgeschriebenen Zeit für Firmenupdates online zu sein. Wir wissen, dass viele unserer Kunden auch in unterschiedlichen Ausprägungen verteilt arbeiten. Daher sind wir davon überzeugt, dass wir durch das stete Experimentieren mit neuen Arbeitsweisen mehr Einfühlungsvermögen für ihre Herausforderungen bekommen und letztendlich auch bessere Produkte entwickeln können.

Stichwort Führungskräfte: Wie unterstützen Sie diese bei der Führung der Remote Teams? Wie wird geführt?

Dominic Price: Viele Unternehmen durchleben seit einigen Monaten eine Art Experiment. Schlagartig mussten Mitarbeiter ins Homeoffice versetzt werden und anfangs verursachte das bei einigen Unternehmen ein großes Durcheinander. Doch mittlerweile haben die meisten Wege gefunden, um ein System aufzustellen, das für sie funktioniert. Heute kann beinahe jeder Büromitarbeiter erfolgreich vom eigenen Zuhause aus arbeiten. Als Führungskraft sollte man sich in die Lage seiner Mitarbeiter versetzen können und verstehen, dass das Arbeiten von Zuhause die richtige Balance benötigt. Das liegt vor allem daran, dass die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben im Homeoffice schnell verschwimmen können. Daher ist es wichtig, Arbeit und Familie in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen.

Unsere jüngste Studie zeigte, dass deutsche Beschäftigte sich auch im Home-Office mehr Anleitung wünschen: 32 Prozent gaben an, dass sie sich nicht bereit fühlen, dauerhaft von zu Hause aus zu arbeiten. Grund dafür ist, dass sich die Mitarbeiter mehr Klarheit und Führung bei ihrer täglichen Arbeit wünschen, wenn sie von Zuhause aus oder remote arbeiten. Das lässt erkennen, dass Unternehmen für die größtmögliche Transparenz ihrer internen Prozesse sorgen müssen, um ihren Mitarbeitern eine neue Form der Zusammenarbeiten zu bieten.

Modernes Arbeiten erfordert auch eine Umstrukturierung der Arbeitskultur: Wir können nicht einfach die bisherige Arbeitswoche, wie wir sie im Büro abgeleistet haben, an einen anderen Standort verlegen. Hier schleichen sich Probleme wie zu viele Videokonferenzen etc. ein. Vielmehr müssen wir grundlegend neu überlegen, wie Einzelpersonen, Teams und ganze Unternehmen arbeiten können. Remote Work während der Corona-Pandemie kann hier als gemeinsames Projekt gesehen werden, in dem Teams lernen, sich auch über große Entfernungen hinweg zu organisieren.

Was macht Atlassian, wenn es bei einzelnen Mitarbeitern Probleme gibt?

Dominic Price: Zu den wichtigsten Werten von Atlassian gehört unsere „Open Company, no B$%&S%$t“ Policy. Das haben wir auch während der Pandemie gelebt und bedeutet ganz konkret, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter über allem anderen stehen und vor allem interne Kommunikation stets priorisiert wird. Hier kommen die internen Befragungen aller Mitarbeiter wieder ins Spiel – diese Ergebnisse befähigen die Manager, Gespräche mit ihren Teams zu führen und zu besprechen, was funktioniert und welchen Herausforderungen sie sich gegenüber sehen.

Zusätzlich haben wir durch Analysen von Remote Work erkannt, dass wir die zukünftige Arbeit nur hyper-personalisiert betrachten können und jeder einzelne Mitarbeiter eine einzigartige Arbeitserfahrung erhält. Daher haben wir, dem Wunsch vieler Mitarbeiter folgend, mehr Standortflexibilität für ihren Arbeitsplatz zu haben, „TEAM Anywhere“ ins Leben gerufen. Die neue Regelung gibt unseren Mitarbeitern unabhängig von der Pandemie Entscheidungsfreiheit: Sie können frei aussuchen, ob sie in einem Atlassian-Büro oder von Zuhause aus arbeiten, eben was für sie am besten funktioniert. Unser Ziel ist es dabei sicherzustellen, dass alle Mitarbeiter bestmöglich unterstützt werden und jeder vom Ort seiner persönlichen Wahl aus effektiv arbeiten kann. Auch, wenn ein Mitarbeiter privat eine außergewöhnliche Situation hat, sind wir für jede Möglichkeit offen, ihn zu unterstützen. Dies kann zum Beispiel in Form von verlängertem Pflegeurlaub und Gleitzeit zum Ausdruck kommen.

Über Atlassian

Atlassian ist ein weltweit führender Anbieter von Entwicklertools für agiles Projektmanagement. Im Zentrum der Anwendungen stehen Teams und deren Potenzial. Über 171.000 Unternehmen weltweit nutzen Atlassian-Tools, darunter General Motors, Walmart Labs, Bank of America Merill Lynch, Lyft, Verizon, Spotify und die NASA.

Das Interview führte Helge Weinberg, Herausgeber HR JOURNAL.

Dominic Price kann auf eine Karriere zurückblicken, die durch Europa, die USA und Asien PAC reicht. Er ist stolz darauf, als Work Futurist bei Atlassian zu arbeiten, der Heimat der intelligentesten T-Shirt-Träger in der Geschäftswelt. Dom verbringt mehr als die Hälfte seiner Zeit damit, Atlassian Kunden bei ihrer Umsetzung von Themen wie Transformation, Agilität und der Zukunft der Arbeit zu helfen. Zuvor war er als GM Program Management für ein globales Gaming-Unternehmen und als Direktor bei Deloitte tätig. Als begeisterter Reisender hat Dom bisher über 50 Länder bereist, aber nach 17 Jahren Aufenthalt nennt er Australien seine Heimat.

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